20.9.16

24 Wochen

BRD 2016 Regie: Anne Zohra Berrached mit Julia Jentsch, Bjarne Mädel, Johanna Gastdorf, Emilia Pieske, Maria Dragus 102 Min.

Dies war im Februar der erste Film des Jahres, der tief berührte und für Aufsehen sorgte: Anne Zohra Berrached legte mit „24 Wochen" ein sensationelles Debüt im Wettbewerb der Berlinale hin. Es geht um die tief erschütternde Frage eines Paares, ob es ein mehrfach behindertes Kind bekommen soll. Julia Jentsch, die schon 2005 für „Sophie Scholl" den Schauspiel-Preis in Berlin erhielt, spielt preisverdächtig die Kabarettistin Astrid, die von ihrem Mann Markus (Bjarne Mädel) gemanagt wird. Auch ihre Schwangerschaft kommt frech und keck auf hohen Schuhen mit ins Comedy-Programm. Dann erfährt das Paar, dass ihr zweites Kind mit Down-Syndrom auf die Welt kommen wird. Nach einem ersten Schreck sehen sie freudig dem Nachwuchs entgegen, Freunde und Verwandte werden rührend informiert. Als der nächste Ultraschall jedoch noch einen schweren Herzfehler ans Licht bringt, steht das Paar nicht mehr gemeinsam hinter der Entscheidung. Astrid überdenkt unter schweren Qualen die Möglichkeit einer späten Abtreibung - was bei einer Schwangerschaft von 24 Wochen eine noch schwerer als schwere Entscheidung ist.

Es ist eine geniale Idee des Films, mit dem Lachen auf der Show-Bühne das emotionale Thema aufzufangen. Besonders schön, wie das Paar über seine Situation redet. Nur die bockige Tochter Nele protestiert nach einem beim ungemein berührenden Besuch bei einem Chor von Jugendlichen mit Down-Syndrom. Das polnische Kindermädchen kündigt, weil sie selber einen behinderten Bruder zuhause hat. Echte Ärzte beraten und empfehlen auf provozierende Weise. Das Spektrum der Reaktionen von Oma bis zu Kollegen ist breit, aber nachvollziehbar.

Anne Zohra Berrached wurde 1982 in Erfurt, DDR, geboren. Nach einer Ausbildung im Bereich Sozialpädagogik arbeitete sie als Theaterpädagogin in London, bevor sie an der Filmakademie Baden-Württemberg studierte. Man muss der jungen Regisseurin zu ihrem Mut gratulieren, diese unglaublich schwere Situation mit „24 Wochen" einer Weltöffentlichkeit vorzustellen. Und zwar sehr sensibel und gelungen. Selbstverständlich wird es reflexartig Vorwürfe von Betroffenen-Verbänden geben. Doch die 1982 geborene Berrached, deren Name im Film selbst auf eine starke autobiographische Komponente hinweist, macht es sich nie leicht, umschifft die Klischees, macht die Last der Entscheidung so bedrückend deutlich, dass nach der Pressevorstellung der Berlinale betroffenes Schweigen den Applaus ersetzte. Daran haben die Haupt- und Neben-Darsteller großen Anteil: Julia Jentsch ist sowieso eher für leise Töne bekannt und war im Februar unter den Favoriten für einen Schauspiel-Bären. Bjarne Mädel steckt noch in der Haut des weinerlichen Emil aus „Stromberg", ist aber auch ein großartiger (Manager-) Mann, der seiner Frau bis zum Ende an zur Seite steht. Wobei sich im letzten Bild das Plädoyer des Films doppelt: Mit dieser schweren Frage, die nur jeder für sich entscheiden kann, offensiv an die Öffentlichkeit gehen.

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