2.8.16

Julieta

Spanien 2016 Regie: Pedro Almodóvar mit Emma Suárez, Adriana Ugarte, Daniel Grao, Inma Cuesta 100 Min.

Die Theorie, dass Regisseur Pedro Almodóvar mit jedem Film noch besser wird, unterbrach 2013 kurz die alberne und schrille Farce „Fliegende Liebende". Mit dem still und dann unentrinnbar ergreifenden Mütter-Drama „Julieta", inspiriert von drei Kurzgeschichten Alice Munros („Entscheidung", „Bald", „Schweigen"), schließt der Spanier wieder nahtlos an seine letzten wunderbaren Filme „Die Haut, in der ich wohne" (2011), „Zerrissene Umarmungen" (2009), „Volver – Zurückkehren" (2005) und „Alles über meine Mutter" (1999).

Julieta (Adriana Ugarte) packt gerade ihre Sachen in Madrid, um mit ihrem neuen Freund fort zu ziehen, als eine Begegnung ihr Leben auf den Kopf stellt. Eine ehemalige Freundin ihrer Tochter Antía erzählt beiläufig, sie habe diese am Comer See getroffen. Ein Schock für Julieta, die Antía seit 12 Jahren nicht mehr gesehen hat und nur mühsam über den Schmerz der einseitigen Trennung hinweg gekommen ist. Nun sagt Julieta ihrem Mann ab, zieht wieder in das Haus, in dem sie einst mit Antía lebte und beginnt die Ereignisse seit Antías Zeugung aufzuschreiben, ein „dunkles Geheimnis aus der Vergangenheit" zu erzählen.

„Julieta" wird eine Geschichte mit vielen Begräbnissen und noch mehr Toten sein. Das Leben teilt Trauer und Schmerz an diese Frau in großen Portionen aus. Julieta sei die verletzlichste und schwächste Mutter aus seinem Universum der Frauen, meint der exzellente Regisseur und Frauen-Versteher. Was Almodóvar nicht einfach erzählt, sondern ungemein kunstvoll bebildert und vertont. Schon zu Anfang blickt Lucian Freud, der Enkel von Sigmund Freud, in seinem intensiven Selbstporträt „Reflection" Julieta aus einem Bilderrahmen über die Schulter. Almodóvar umgibt in diesem kunstreichen Film seine Frauen mit Kunstwerken der Einsamkeit. Bis zum Lied des Abspanns, „Si no te vas" von der vertrauten Almodóvar-Sängerin Chavela Vargas, das den Film zusammenfasst: „Wenn du nicht gehst, werde ich wissen wer ich bin." Der Tod ihrer großen Liebe Xoan stürzte Julieta (jung: Adriana Ugarte) in eine tiefe Depression. Tochter Antía, die gerade mit einer neuen besten Freundin euphorisch auflebt, fängt die Mutter auf, organisiert einen Umzug und kümmert sich auch die nächsten Jahre um Julieta, die von ihr abhängig wird.

Pedro Almodóvar, ein „Kind des Technicolor, das in Popart träumt", wie er selbst sagt, hat seinen 20. Spielfilm zurückhaltender gestaltet. Auffällig sind die unzähligen kulturellen Querverweise, die er auch seinen Schauspielerinnen zur Vorbereitung mitgab. Große monochrome Flächen und rechtwinklige Möbel markieren das geordnete Leben zwischen den Zusammenbrüchen. Danach zieht sie wieder in eine lebendigere Gegend, gibt sich dem Leben und dem Schmerz wieder hin. Bei all den schwer fassbaren, feinen psychologischen Verstrickungen um Julieta herum, ist dies ein packender, sehr berührender, aber kein deprimierender Film. Das liegt nicht nur am offenen Ende, nicht nur am Einfallsreichtum, mit dem das Leben immer neuer Kapriolen schlägt. Es ist vor allem der Genuss, mit dem Almodóvar all dies präsentiert, der „Julieta" zu einem unbedingt sehenswerten Kunstwerk macht.

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