4.8.16

Genius

Großbritannien, USA 2016 Regie: Michael Grandage mit Colin Firth, Jude Law, Nicole Kidman, Laura Linney 105 Min. FSK: ab 6

Über „Genius" zu schreiben, ist ein besonders schwerer Job: Wie beschreibt man in ein paar schnellen Zeilen, welche Herkules-Arbeit es bedeutet, ein literarisches Schwergewicht zu schaffen? Schwergewicht, weil schon das Manuskript in mehreren Kisten voller Papierbündel beim Verlag angeliefert wurde. 5000 Seiten umfasste der erste Entwurf und zwei Männer arbeiten jahrelang daran, das Opus zu einer druckbaren Ausgabe herunter zu kürzen. „Genius" ist die Beziehungsgeschichte dieser beiden Männer und auch Biographie. Zum einen vom bekannten us-amerikanischen Schriftstellers Thomas Wolfe (1900–1938), nicht zu verwechseln mit Tom Wolfe (* 1931), und von seinem unbekannten Lektor Maxwell Perkins. Der nebenbei auch Hemingway und F. Scott Fitzgerald im Verlagshaus „Scribner's Son" betreute.

Maxwell Perkins (Colin Firth) ist unter Autoren schon Legende, als 1929 ein gewaltiges Manuskript und auch bald auch sein Autor Thomas Wolfe (Jude Law) ins Büro auf der 5. Etage bei „Scribner's Son" hereinschneien. Wolfe ist wie sein Schreibstil exaltiert, expressiv, wild, leidenschaftlich. Perkins dagegen ruhig, reserviert, gesetzt. Er liest auf der Arbeit, liest im Pendlerzug nach Hause, liest daheim. Zwischendurch ignoriert er seine große, rein weibliche Familie liebevoll nebenbei. Und hat immer seinen Hut auf.

Nur einmal im Film wird Maxwell seinen Hut abnehmen, das ist dann auch der emotionale Höhepunkt für den zurückhaltenden Mann. Bevor sich das Drama zwischen den beiden entgegengesetzten Charakteren zuspitzt, macht das Schicksal dem einen Strich durch die Rechnung. Wolfe stirbt 1938 plötzlich an einer seltenen Hirnkrankheit. Doch zuerst machen beide „Schau heimwärts, Engel. Eine Geschichte vom begrabenen Leben" (Look Homeward, Angel. A Story of the Buried Life) zum großen Erfolg. Thomas Wolfe wird mit den größten Schriftstellern verglichen. Das nächste Buch „Von Zeit und Strom" (Of Time and the River) ist dieses Monstrum, das in Kisten angeliefert wird.
Beide riskieren ihr Privatleben für dieses Werk. Wolfe treibt seine hysterische Geliebte Aline Bernstein (Nicole Kidman) fast in den Selbstmord. Und Perkins' Frau macht ihm sanft deutlich, dass er eigentlich mit in den Urlaub müsste.

Der Film „Genius" und Colin Firth schaffen es, in kurzen Szenen für Literatur zu begeistern, eine noble Wertschätzung hart erarbeiteter Literatur. Firth spielt wieder unglaublich gut, wenn er über den Ursprung des Erzählens am Lagerfeuer mit den Wölfen draußen im Dunkeln sinniert. Aber vor allem bei den tiefen Zweifeln von Perkins, ob er mit seinen Kürzungen und Änderungen nicht das wahre Meisterwerk zerstört hat. Wer eigentlich das Genie ist, diese Frage steht immer im Raum. Doch F. Scott Fitzgerald, dem Perkins in seiner schweren Krise finanziell hilft, macht eines klar: „Max has a Genius for friendship" – Max ist vor allem ein großartiger Freund.

An dieser Figur und auch an Firth arbeitet sich Jude Law als Thomas Wolfe etwas ab, doch es macht Spaß ihn wild, in der Jazz-Kneipe und auch einsam gestrandet zu sehen. Nur Nicole Kidman kickst als Wolfes Geliebte Aline Bernstein schon wieder ihre nervigen, immergleichen Geräusche in die Kamera. Ihr Drama ist, dass sie nicht Frau Tom Wolfe sein kann und Kidman kann nicht Virginia Woolf, also so ungewöhnlich gut wie in „The Hours". Wie viel glaubwürdiger und uneitel dagegen die andere, wortwörtliche Nebenfigur dieser männlichen Beziehungs- und Vater-Sohn-Geschichte, Laura Linney als Louise Perkins, die in ihren literarischen Ambitionen böse ignoriert wird.

Vor allem ist „Genius" eine großartige Hymne auf das Schreiben und die Schrift. Theater-Regisseur Michael Grandage macht in seinem Regiedebüt aus A. Scott Bergs Biographie „Max Perkins: Editor of Genius" einen Hör- und Sehgenuss seltener Qualität.

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