26.7.16

Seefeuer

Italien, Frankreich 2016 (Fuocoammare) Regie: Gianfranco Rosi 114 Min. FSK: ab 12

Schon während der Berlinale war diese Flüchtlings-Dokumentation umstritten, nach der Preisverleihung, bei der es einen Goldenen Bären gab, herrschte Unverständnis. Dass „Seefeuer" für Puristen kein richtiger Dokumentarfilm ist, sondern immer wieder unübersehbar inszeniert, geschenkt. Dass es allerdings von allen „Flüchtlings-Filmen" so ziemlich der schlechteste ist, dass er mit einer erstaunlichen Beharrlichkeit von den Gestrandeten wegschaut und sich meist auf einen italienischen Jungen auf der Insel Lampedusa konzentriert, das muss erstaunen.

„Seefeuer" dreht sich vor allem um den 12-jährigen Samuele, der auf einer italienischen Insel lebt. Dieser Protagonist ist ein nicht besonders heller Junge mit Sehschwäche, ein übereifriger kleiner Selbstdarsteller, der auch schon mal seinen Vater in dessen Schiffs-Kajüte für die Kamera interviewt. Samuele bastelt sich eine Schleuder, Samuele fährt auf dem Moped, Samuele fährt aufs Meer. Das bekommt ihm allerdings nicht so gut, ebenso wenig wie die Brille wegen seines „faulen Auges".

Ein Jahr lang beobachtete Regisseur Gianfranco Rosi dieses Leben auf Lampedusa, der Insel, auf der laut diesem Film „nebenbei" zehntausende Flüchtlinge ankamen. Aber nur ganz selten widmet sich der Film dem Thema, unter dem er angepriesen wird. Wenn ein Arzt erschütternde Dinge über den Zustand der Flüchtlinge erzählt und seine Tränen nicht mehr zurückhalten kann. Oder der in allen Kritiken erwähnte „Rapper", der im Chor der Geflüchteten von seinem Weg aus Nigeria erzählt, als einziger der Afrikaner etwas erzählen darf!

Das Nebeneinander der Flüchtlinge im Lager zu dem typisch italienischem Leben mit Volksliedern, Spaghetti-Essen und Espresso (sic!) bleibt ein Nebeneinander, da wo andere Dokumentationen gerade von der Begegnung helfender Einwohner erzählten. Ein Hohn, weil sich ja gerade niemand auf diesem internationalen Niveau für die Menschen der Insel interessieren würde, wenn nicht die anderen Menschen dort stranden würden. Soll man die ausführliche medizinische Vorsorge für lächerliche Problemchen des hypochondrischen Samuele vielleicht mit den verätzten Körpern der Afrikaner vergleichen?

„Seefeuer" ist ein sehr ärgerlicher und uninteressanter Film, bis zum Schluss tatsächlich eine Barke im Bild aufgenommen wird, die völlig Entkräfteten in Rettungsboote gezogen und notdürftig versorgt werden. Ihre ausgemergelten Gesichter kann man durch andere Geschichten mit Leben füllen. Das ist ein Stück erschütternder Film, von dem Regisseur Rosi nicht mehr fand. Auch weil wohl während seines einjährigen Aufenthalts eine Aufnahmestelle renoviert wurde! Eine ganz schlechte Entschuldigung für einen Dokumentaristen. Deshalb verwundert auch noch ein halbes Jahr später die Entscheidung der Berlinale-Jury, „Seefeuer" mit einem Goldenen Bären auszuzeichnen.

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