20.6.16

Café Belgica

Belgien, Frankreich 2015 (Belgica) Regie: Felix Van Groeningen mit Stef Aerts, Tom Vermeir, Hélène Devos 127 Min. FSK: ab 12

„Belgica" ist der Nachfolger von „Broken Circle Breakdown", dem herzzerreißenden Liebesfilm und Eltern-Drama, dem besten Film der letzten Jahre, des letzten Jahrzehnts, dieses Jahrhunderts (bislang). Große Erwartungen, die ein sehr schönes, zeitweise ekstatisches Brüder-Drama um eine kleine, dreckige Kneipe und viele großartig erdige Flamen kaum erfüllen kann. So ist „Belgica" von Felix van Groeningen eher ein Nachfolger von „Die Beschissenheit der Dinge".

Als der unstetige Frank (Tom Vermeir) in der Kneipe seines kleinen Bruders Jo (Stef Aerts) auftaucht, will er zuerst nur hinter der Theke aushelfen. Doch der chaotische Wirrkopf träumt von einem coolen Club, lädt einen befreundeten DJ ein, überredet Jo, Wände einzureißen und den Laden um ein Dancefloor mit Bühne zu erweitern. Grandiose Musik hält jetzt Einzug, die Nächte und die Koks-Lines werden länger und länger. Der neue angesagte Club in Gent ist ein riesiger Erfolg, das Leben der Clique um Frank und Jo wird zur ewigen Party.

Der starke Soundtrack von Soulwax mit Einlagen belgischer Blasmusik und Techno, die Aufnahmen im „natürlichen" Club-Licht mitten aus der Menge - das „Café Belgica" vibriert vor Lebenslust, die sich austobt, als ob es kein Morgen gäbe. Doch der kommt sicher mit kräftigem Kater. Franks Frau ist gewohnt, dass der Vater ihres gemeinsamen Kindes morgens wie ein Geist ins bürgerliche Leben zurück stolpert. Irre sind die Aufnahmen, wie er im Morgengrauen durch die Hundezwinger schlurft, die seine Frau betreut.

Jo erwacht aus dem Rausch, als seine Freundin Marieke (Hélène Devos) schwanger wird und entscheidet, bei diesem Leben können man kein Kind gebrauchen. Ohne viele Worte zerreißt es den stillen der beiden Brüder, deren Vater wie Frank ein unzuverlässiger Lebemann war. Das geht einher mit dem finanziellen Niedergang des Clubs und dem völligen Zerfall von Frank, der sich als unkontrollierter Säufer, als brutaler Choleriker und vor allem als kindisch verantwortungslos erweist.

Auch wenn man in besonders bewegenden Momenten schöner Gemeinschaft unter Freunden zusammen mit dem Film ganz still wird, ist „Café Belgica" vor allem in seinem deftigen flämischen Original ungemein echt und ehrlich. Dass die normalen Menschen und der befreundete Türsteher nach Aufstieg und Niedergang draußen bleiben müssen, gibt eine der melancholischen Noten, dieses ebenso euphorischen wie nachdenklichen Films.

„Café Belgica" basiert auf van Groeningens eigenen Erfahrungen: Die Live-Musikkneipe „Charlatan" wurde in Gent von seinem Vater geführt, van Groeningens arbeitete als Jugendlicher selbst dort. Tom Vermeir feiert und wütet als Frank mit der gleichzeitig brutalen und sensiblen Wucht eines flämischen Depardieu in schlank. Stef Aerts legt seinen Jo, der durch eine Krankheit ein Auge geschlossen hat, ebenfalls sehr fesselnd mit stiller Entschlossenheit an. Dieses Brüder-Drama um die Verweigerung einer nächsten Lebensphase ergibt nicht die ganz großen Gefühle aus „Broken Circle Breakdown", aber mit zeitweise atemberaubenden Bildern und Szenen eine ganz Menge Leben und Leiden (-schaft).

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