23.5.16

Alice im Wunderland: Hinter den Spiegeln

USA 2016 (Alice Through the Looking Glass) Regie: James Bobin mit Johnny Depp, Anne Hathaway, Mia Wasikowska, Helena Bonham Carter, Sacha Baron Cohen 108 Min. FSK: ab 6

Die zweite Tim Burton-Bearbeitung des Lewis Carroll-Stoffes entfernt sich noch weiter von der Vorlage und gerät zur effektreichen Zeitreise sowie zur Vorgeschichte der eigentlichen Alice-Abenteuer. Deren Fantasie und Verrücktheiten bleiben dabei auf der Strecke.

Schon die Titel-Verhunzung zeigt die Verachtung, mit der Disney den Originalstoff behandelt: „Alice hinter den Spiegeln" („Through the Looking-Glass") heißt die Fortsetzung des 1871 erschienenen Kinderbuches „Alice im Wunderland" von Lewis Carroll (1832 - 1898). Der Motivations-Spruch „The only way to achieve the impossible is to believe it is possible" eine typische Disney-Weisheit und nicht von Lewis Carroll. Sie könnte auch in Endes „Die unendliche Geschichte", in „Peter Pan" oder den Narnia-Filmen auftauchen. Ebenso so austauschbar sind die Handlungselemente.

Wieder werden die Carroll-Fragmente in einen Rahmen eingebettet, der die Entstehungszeit des literarischen Klassiker reflektieren soll: Frisch von einer China-Reise zurück, muss der abenteuerlustige Kapitän Alice Kingsleigh (Mia Wasikowska) zuhause Ständedünkel, sozialen Abstieg, die Rache eines Verschmähten und die üblichen Vorbehalte gegenüber Frauen erleiden. Die Mädchenträume sind verblasst, die Hoffnung auf „Wunder schon vor dem Frühstück" sehr fern. Die einzige (Aus-) Flucht für Alice geht durch eine flüssige Spiegeloberfläche zurück ins Wunderland des ersten Films. (Dass der Wahnsinn auch ein Ausweg wäre, wird zaghaft in einer kurzen Anstalts-Szene angedeutet.) Im Spiegelland ist nur kurz Raum fürs Staunen, bevor die atemlose Handlung wie ein geschmiertes Uhrwerk bis zum Abspann durchschnurrt. Dort schafft es der Film, selbst im Finale zu langweilen. Wenn wegen des typischen Zeitreise-Paradoxons alles von rostigen Ästchen eingefroren wird, wirkt das wie eine digitale Haut, die alles Lebendige erstickt. Auch die guten Schauspieler haben wenig Spielraum.

So extrem bunt wie Alice nach der Heimkehr zu einem Ball auftaucht, so purzelt dieser Film in die Kinolandschaft. Mit 3D-Gimmicks sowie einer Zeitmaschine als Schiff in den Wellen von Raum und Zeit. Der verrückte Hutmacher (Johnny Depp) ist inzwischen wirklich verrückt geworden, oder eher depressiv. Alice will deshalb per Zeitreise dessen Familie in der Vergangenheit vor dem Drachen Jabberwocky retten. Es ist höchst erstaunlich, dass es außer bei den digitalen Effekten wenig zum Staunen gibt. Alles wird überdeutlich erzählt, nichts bleibt rätselhaft, verspielt oder gar irgendwie verrückt. Dass Alice beispielsweise im Spiegelland Alice rückwärts gehen muss, um ihr Ziel zu erreichen, findet keine Erwähnung. Das überbordende Digitale erweist sich in dieser Form paradox als Mittel der Fantasielosigkeit. Dadurch fällt auf, dass der ganze Film eine wenig originelle Resteverwertung ist: Figuren von Carroll, Schauspieler aus dem ersten Teil, Handlung aus dem Computer-Programm für risikolose Kassenschlager und ein paar Zeitreisen-Themen.

Regie führte nicht mehr Tim Burton wie vor sechs Jahren bei „Alice im Wunderland", sondern James Bobin, der sich bislang mit Muppet-Filmen und der „Ali G Show" hervorgetan hat. Einsam eindrucksvoll sind Sacha Baron Cohen („Borat", „Ali G") als Verkörperung der Zeit und sein gigantisches Schloss als Kathedrale der Zeit. Seine Figur ist auch Anlass für eine Teestunde voller Wortspiele rund um die Zeit. Ob man Mia Wasikowska die staunende junge Alice noch abnimmt, bleibt Geschmackssache. Sie ist mittlerweile als Action-Figur einer Lara Croft näher als dem ursprünglichen Carroll-Mädchen. Anne Hathaway hat eine perfekte Rolle als Weiße Königin: Affektiert und voller Manierismen. Im Original kann man noch einmal die Stimme des kürzlich verstorbenen Alan Rickman als entpuppte Raupe Absolem genießen. Dazu ein paar mäßig lustige Side Kicks, die hilfreichen Sekunden und Minuten vom Herrscher der Zeit sind unübersehbar metallische Minions.

Nur die Moral der Geschichte ist von einigem Wert: Denn auch wenn Zeitreisen nichts verändern können, die Wahrheit über Fehler der Vergangenheit auszusprechen, kann tiefe Verletzungen heilen. Das gilt für den alten Streit der beiden Königinnen wie auch für den Hutmacher, der nie die Anerkennung seines Vaters bekam. Nun sollten die Filmmacher aus ihren Fehlern lernen und die unglückliche Reihe einstellen.

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