21.2.16

Where to invade next

USA 2015 Regie: Michael Moore 110 Min.

Die Lage ist verzweifelt: Seit Korea hat die USA keinen ihrer Kriege mehr gewinnen können. So rufen die Chefs von Army, Luftwaffe und Marine den bekannten Dokumentarfilmer und Regime-Kritiker Michael Moore zu Hilfe. Und der liefert: Eine Liste mit Ländern, die demnächst erobert werden sollen, samt der Sachen, die man in traditioneller Weise dort jeweils mitgehen lässt. Äußerst humorvoll hält Moore seiner „großen Nation" einen Spiegel vor und zeigt bei einer manchmal übereilten Weltreise, was in Sachen Arbeiter- und Bürgerrechte der Standard sein sollte. Ein auch für Deutschland lehrreicher Spaß, selbst wenn ein Bleistift-Hersteller hier als mustergültig durchgehen soll.

Wie immer beim großen Polit-Clown Michael Moore („Fahrenheit 9/11", „Bowling for Columbine", „Roger & Me") sind Idee und Lösung verblüffend einfach: Da reist er mit der us-amerikanischen Nationalflagge durch Europa, okkupiert mit flapsigem Pathos ganze Nationen und eignet sich für die USA Dinge wie bezahlten Urlaub, Arbeiternehmermitbestimmung, Sexualkunde-Unterricht, besseres Bildungs-, Gesundheits- und Strafsystem an. Und richtig komisch ist es zudem, wie Moore mit seinen naiven Fragen, den persönlichen Reaktionen und einer flotten Montage beispielsweise herausfindet, weshalb italienische Paare immer so aussähen, „als ob sie gerade Sex gehabt hätten". Es sind die für US-Amerikaner unglaubliche Anzahl von Urlaubstagen sowie die selbst von Deutschen kritisch beäugten langen Mittagspausen. Naheliegende Zweifel beantworten die Chefs einer Näherei für Armani und der von Ducati abschlägig: Die Angestellten seien glücklich, weniger krank und dadurch produktiver.

Auch Frankreich bleibt Michael Moore den Klischees treu: Im Land der Liebe besucht er den Sexualkunde-Unterricht und lässt alle mal herzlich über das us-konservative Konzept und Kontrazeptivum der Enthaltsamkeit lachen. Nein, das würden sie hier nicht lehren, die Zahlen schwangerer Teenager (sechs mal mehr in den USA als in der BRD) wären nicht überzeugend. Weiter in Deutschland will man sich zuerst über die typischen Nazi-Bilder beschweren, doch eine Hymne auf die Erinnerungskultur macht vor allem wieder im Vergleich zu den USA nachdenklich: Dort, „in einer großen Nation, die auf einem Genozid und auf Sklavenarbeit aufgebaut wurde", gab es erst 2015 ein Museum über die Sklaverei!

Auch die kurze und weiterhin witzige Inspektion finnischer Schulen mit extrem wenigen Schulstunden und keinen Hausaufgaben, oder die verblüffende Besichtigung norwegischer Mustergefängnisse lassen nachhaltig nachdenken. Wobei Moore bei seinem eigentlich nationalen US-Film immer wieder betont, dass etwa auch das Verbot unnötig grausamer Strafen eigentlich eine US-Erfindung sei. Man habe es nur vergessen, beziehungsweise auch die Gefängnisse dem Kapitalismus verkauft.

Wie immer sind Moores Argumente sehr pointiert und in ihrer Verkürzung leicht angreifbar. Die Ideen dahinter bleiben trotzdem eindrucksvoll. Mit weniger Filmzitaten oder Animationen als früher, ist er immer noch witzig. Auch den Wechsel zur Betroffenheit bekommt er sicher hin. Das ist lehrreich und macht viel Spaß. Dabei vergisst man glatt, dass man sich hier von einem der letzten linken Filmemacher überhaupt unterhalten lässt.

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