7.2.16

Nichts passiert

Schweiz 2015 Regie: Micha Lewinsky mit Devid Striesow, Maren Eggert, Lotte Becker, Annina Walt 88 Min. FSK: ab 12

Ein mörderischer Softie - das ist ebenso unwahrscheinlich wie psychologisch reizvoll in dem erschütternden Schweizer Film „Nicht passiert". Diese Figur fasziniert wie der Erzähler aus dem „Fight Club" oder Patrick Bateman aus „American Psycho".

Schon in der ersten Szene, der Sitzung bei einer Therapeutin, fächert Devid Striesow als unerträglich widerstandsloser Journalist Thomas eine atemberaubende Figur auf. Erst einmal sorgt er für Beklemmungen, dieser Mann, der einen mit seiner Unentschlossenheit und der Unfähigkeit, Position zu beziehen, bald in den Wahnsinn treibt. Mit ihm muss nicht nur die Familie in den Ski-Urlaub, auch Sarah (Annina Walt), die Tochter seines Chefs, sitzt mit im bleibeschwerten Boot, beziehungsweise Auto. Gleich am ersten Abend wird Sarah vom Sohn des Vermieters vergewaltigt, als die beiden spinnefeinden Mädchen feiern gehen. Sarah vertraut sich nur Thomas an, der sie weinend findet und fortan zu allem bereit ist, um Verbrechen und Leid zu vertuschen. Bis hin zum Mord...

Es ist gleichzeitig abstoßend und bedauernswert, wie dieser hilflose Hansel manipuliert. Als Sarah zur Polizei will, den Vergewaltiger anzuzeigen, gibt er sich unterstützend, während er subtil das völlig verstörte Mädchen unsicher macht. Dazu denkt er sich in seiner Angst um Job und allgemeine Familienseligkeit horrende Lösungen aus: Da soll es etwa reichen, wenn der Täter sich mit einem Handschlag entschuldigt. Das ist unerträglich und grenzwertig, wie der Film das mitmacht. Und kann eigentlich nur auf ein noch schlimmeres Unglück hinauslaufen.

Wie weit man dem exzellent inszenierten Film folgen will, ist tatsächlich eine Frage der dicken Distanzierungs-Haut im Kino. Denn Regisseurin Micha Lewinsky wagt sich weit hinaus mit dieser Figur. Wenn es aber klappt, liegt dies vor allem an Striesow, der auf der Strecke vom Schaudern zum Grauen alle Nuancen derart glaubwürdig verkörpert, dass man ihm erst einmal mit Personenschutz ausstatten sollte. Bei dieser komplexen Figur kommen alle anderen zu kurz, auch das Opfer der Vergewaltigung, worauf sich sicher ein Teil des gekonnt provozierten unangenehmen Gefühls beim Betrachten richten wird. Doch diesen Psycho-Film mit seinen immer wieder sehr treffenden Momenten sollte man nicht zu leicht nehmen, etwa weil deutsch gesprochen wird. Diese Figur, dieses ganze Konstrukt ist äußerst bemerkenswert in der Galerie der (Kino-) Psychopaten.

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