20.2.16

Berlinale 2016 Glück gehabt?

„Die Suche nach dem Glück" wurde als Motto der 66. Internationalen Filmfestspiele Berlins ausgegeben. Bevor das Festival am Samstag mit der Verleihung der Goldenen und Silbernen Bären nach zehn Tagen zu Ende geht, ist der Anspruch bescheidener geworden: War die Suche nach guten Filmen glücklich? Tatsächlich dachte man mit fortgeschrittenem Verlauf des Wettbewerbs eher verzweifelt an Clint Eastwoods grimmigen Dirty Harry-Spruch mit Pistole an schwitziger Stirn „Ist heute dein Glückstag, Punk?"

Die Sache mit dem großen Glück, beziehungsweise „Die Suche nach dem Glück oder das Recht auf Glück" wie das Festival zurechtrückte, wurde schon zu Beginn von George Clooney geerdet. Eine der üblich bescheuerten Presse-Fragen zu seinem ganz persönlichen Engagement für Flüchtlinge gab er einfach zurück: Was täte denn die Journalistin ganz persönlich für Flüchtlinge? Spenden konnte jeder Festivalgast für ein Behandlungszentrum für Folteropfer, die Aufrufe dazu vor den Galavorstellungen klangen zum Schluss allerdings eher verzweifelt.

Man müsste vielleicht mal erklären, dass Kinofilm immer noch nicht mit Polaroid-Material gemacht wird, es liefert keine Instant-Lösung für aktuelle Probleme, selbst wenn der Kaffee-Kapsel-Mann der Menschenrechts-Anwältin Clooney mitspielt. Trotzdem blieb auch die 66. Berlinale ihrem Image treu: Cannes hat die besten Filme, Venedig hat Kanäle, Locarno Open Air und Berlin ist politisch. Mehr Regierungsvertreter gingen selten ins Kino: Der portugiesische Premierminister und der angolanische Staatschef schauten sich den poetischen „Cartas de guerra" zur gemeinsamen Kolonialvergangenheit an. Der Provinzchef von Sarajevo sah die blutarme Polit-Parabel „Smrt u Sarajevu" (Tod in Sarajevo) vom ehemaligen Festival-Sieger Danis Tanović. Der dänische Botschafter war dabei, als einer der hervorragenden Botschafter für den dänischen Film, Thomas Vinterberg in „Die Kommune" das freie WG-Leben der späten Sechziger als erschütternd verantwortungslos demaskierte. Und der Chef der US-Botschaft gleich neben der Festivalmeile gab bei „Zero Days" von Alex Gibney den offiziellen Buhmann: Die Dokumentation im Wettbewerb machte verständlich und ausführlich anhand des von NSA und Mossad produzierten Stuxnet-Virus klar, dass die Bedrohung durch Cyber-Krieg ebenso ernst zu nehmen sei, wie die durch Atomwaffen.

Ein anderer Gast aus den USA schmeichelte Europa: Michael Moore eroberte in seiner komischen und erschreckenden Dokumentation „Where to invade next" stellvertretend für das US-Militär (die hätten ja seit Korea nur noch Kriege verloren!) vor allem europäische Länder und entführte deren besten Eigenschaften. Aus Italien die vielen Urlaubstage, aus dem „Land der Liebe" Frankreich die Sexualerziehung und aus Deutschland Arbeitermitbestimmung und die Beschäftigung mit unserer Nazi-Vergangenheit.

Die Aussichten in dieser weiten Themen-Spanne von Vergangenheit bis Zukunft beim Wettbewerb sind für Kino-Gänger nicht berauschend: Zwar ist, wer unter mehr als 400 Filmen der Berlinale nichts Gutes findet, selbst schuld. Oder irgendwie dem seltsamen Irr-Glauben verpflichtet, im Wettbewerb würden die besten Filme laufen. Die Favoriten-Frage bringt einen Tag vor dem Ende zudem das bekannte Apfel und Birnen-Problem ans Licht. Oder: Kraut und Rüben. die Härtesten erholen sich noch vom philippinischen Acht Stunden-Opus „Hele Sa Hiwagang Hapis" des hochverehrten Langfilmers Lav Diazvom. Filme wie „Genius", der Biografie des Lektors von Ernest Hemingway, F. Scott Fitzgerald und Thomas Wolfe, sind immer nur wegen der Stars dabei, diesmal waren Colin Firth, Jude Law, Laura Linney und Guy Pearce anwesend. Die Vergangenheit des analogen Filmmaterials tauchte noch einmal wie eine Meerjungfrau aus dem Märchen im chinesischen Beitrag „Chang Jiang Tu" auf, einem langen Bilderfluss entlang des Jangtse, der wohl nicht nur deshalb die schönsten Bilder im Wettbewerb zeigte. Ganz große Emotionen löste das extrem private und doch politische „Kleine Fernsehspiel" „24 Wochen" von Anne Zohra Berrached aus. Hauptdarstellerin Julia Jentsch könnte für ihre Rolle als Schwangere mit mehrfach behindertem Kind ihren zweiten Schauspiel-Bären erhalten.

Die noch nicht ausgeformte Zukunft des Filmvertriebs von Pay TV-Produzenten wie Netflix oder Amazon zeigte sich mit dem Festival-Hit „Chi-Raq" vom alten Aktivisten und Komödianten Spike Lee – leider außerhalb des Wettbewerbs. Wie auch Doris Dörries ausgeschlossene „Grüße aus Fukushima" mit der großartigen Rosalie Thomass („Taxi") Preise verdient hätten. Und dann die ganzen TV-Serien der Sektion „Berlinale Special Series"! Susanne Biers Geheimdienst-Geschichte „The Night Manager" etwa, von der zwei Folgen liefen. Das ist mittlerweile auch „besser" als vieles im Wettbewerb. Deshalb sollte man sich, egal wie Meryl Streep, Lars Eichinger und Kollegen die Festival-Preise verteilen, keinen Bären aufbinden lassen: Gute Filme gibt es reichlich, es stellt sich nur vermehrt die Frage, wo man suchen muss, und wem man die Suche nach dem filmischen Glück anvertraut.

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