19.1.16

Anomalisa

USA 2015 Regie: Charlie Kaufman, Duke Johnson 91 Min. FSK: ab 12

Anomalisa ist tatsächlich eine Anomalie im Festival- und Kino-Betrieb. Eine durchaus positive, was in Venedig 2015 einen Silbernen Löwen für die Regisseure Charlie Kaufman und Duke Johnson einbrachte. Ein Gefühlreigen mit selten gesehenen Schattierungen des Menschlichen, realisiert mit Stop-Motion-Figuren aus dem 3D-Drucker. Ein Trickfilm über die Situation im Leben eines Mannes, wenn alle Tricks versagen.

Was für eine Welt, in der alle Menschen gleich aussehen und einem, mit gleicher Stimme die gleichen nichtssagend freundlichen Belanglosigkeiten mitteilen! Wohl die gleiche, in der man in Hotels eincheckt, bei denen man jeden Gang und jedes Wandbild schon zu kennen glaubt. So versteht man die Niedergeschlagenheit des berühmten Motivationstrainers Michael Stone, der hier für einen Vortrag übernachtet. Ihn quälen aber auch Geisterbilder des Abschiedes einer alten Liebe, die noch immer hier in dieser Stadt lebt. Oder hat er sich auch gerade von seiner Frau verabschiedet? Das Treffen mit der alten Liebe gerät jedenfalls mit steigendem Alkoholspiegel zur Katastrophe. Die zufällige Begegnung mit zwei erwachsenen Groupies und Fans seiner Motivations-Bücher führt zu einer rührend zärtlichen, sanften und surrealen Liebesnacht mit der Callcenter-Mitarbeiterin Lisa, die er Anomalisa nennt. Auch diese Frau gleicht völlig der verflossenen Liebe und es bedürfte in dieser Welt wohl gar nicht eines skurrilen Albtraums, um Michael Stone ganz zusammenbrechen zu lassen.

Charlie Kaufman macht einzigartige und epochale Filme. Zu „Being John Malkovich" (1999), „Human Nature" (2001), „Adaption" (2002) und zu dem genialen „Vergiss mein nicht!" (2004) schrieb er die Bücher. Selbst der Clooney-Film „Geständnisse - Confessions of a Dangerous Mind" ist unverwechselbar kaufmanesk. Wie wahnsinnig die Gedankengebilde des Oscar-Siegers für „Vergiss mein nicht!" werden können, bewies zuletzt „Synecdoche, New York" (2008), ein noch unerkannter Kandidat für den besten Film aller Zeiten mit Philip Seymour Hoffman als Theaterregisseur, der ein Leben lang sein eigenes Leben inszeniert, auf einer gigantischen Bühne, die New York nachbaut. Nun - Ähnlichkeiten mit lebenden Kaufmans unvermeidlich - setzt Charlie Kaufman das Theaterstück „Anomalisa" von Charlie Kaufman als Puppenfilm um.

Nun baut er die Uniformität westlicher Moderne im Puppentrick nach. Es ist ein Wunder, dass reihenweise Kritiker gerade dieser doch eckigen und bei allen Feinheiten der Mimik oft plumpen Inszenierung herausragende menschliche Züge bescheinigen. Aber ja, diese sehr deprimierende Krise eines erfolgreichen Mannes berührt auf viele Weisen. Das Puppenspiel ist voller peinlicher Momente, die Verführung von Anomalisa sogar erotisch. Und dass ausgerechnet der Spezialist für hohles Service-Gelaber selbst höllisch unter der Leere unausweichlicher Gespräche leidet, ist treffliche Ironie.

Es gibt zwar tatsächlich das „Fregoli-Syndrom", auf das der Name des Hotels hinweist, und bei dem man alle Menschen in seiner Umgebung für ein und dieselbe Person hält. Doch zu lebensecht ist das Wiedererkennen nicht nur von sterilen, weltweit standardisierten Lebensräumen, sondern auch von einem menschlichen Umgang, der so perfekt freundlich daherkommt, dass man ihm gar nichts mehr glauben kann. Und das nicht nur in typischen Service-Umgebungen. Aber die absolut wundersame Volte dieses wunderlichen Films ist, dass gerade mit der Nachbildung von uniformer Gleichheit, mit gleichen Puppenköpfen, die von der gleichen Männerstimme (im Original: Tom Noonan) belebt werden, unterstützt von der Musik Carter Burwells, ein einzigartiges und unbedingt sehenswertes Kunstwerk entstanden ist.

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