12.12.15

Carol

USA, Großbritannien, Frankreich 2015 Regie: Todd Haynes mit Cate Blanchett, Rooney Mara, Sarah Paulson, Kyle Chandler 119 Min. FSK: ab 6

Liebe hinter Glas

Der große Favorit für die Golden Globes ist mit fünf Nominierungen „Carol" von Todd Haynes („I'm Not There", „Dem Himmel so fern"). Cate Blanchett und die großartig wandlungsfähige, schon in Cannes hierfür ausgezeichnete Rooney Mara sind selbstverständlich für ihre Hauptrollen nominiert. Dazu Bester Film, Beste Regie und Beste Musik. „Carol" ist schon vom Format her klassisches Hollywood, „wie man es heute nicht mehr macht". Allerdings mit einer großen, ergreifenden Liebesgeschichte, die Hollywood damals nie gemacht hätte

Es ist 1952, Eisenhower wird bald vereidigt, Senator Joseph McCarthy verängstigt die US-Gesellschaft mit seiner Kommunisten-Hatz, dabei liegt Josef Stalin in den letzten Zügen und eine Frau darf sich in den USA durchaus von ihrem Mann trennen. Carol (Cate Blanchett) kann nicht nur finanziell für sich sorgen. Die reiche, selbständige und selbstbewusste Frau fällt der stillen, jüngeren Kaufhausverkäuferin Therese Belivet (Rooney Mara) direkt auf. Und vice verca. Die so unterschiedlichen Frauen freunden sich an, aber am ersten gemeinsamen Abend platzt der noch nicht ganz geschiedene Ehemann herein und schnappt sich gegen die Vereinbarungen die gemeinsame Tochter.

Ärgerlich, verletzend, aber fast undramatisch diese Störung. Wie der ganze, wunderbar gestaltete und fotografierte Film. Ein stiller Liebesfilm im elegantesten Stil, den man zur Zeit im Kino finden kann. Die Stimmung schwebend wie bei Wong Kar-Wais „In the mood for love". Dabei sind die Grenzen für das selbstbestimmte Leben einer Frau oder gar einer Liebe zwischen zwei Frauen deutlich zu spüren. Doch eben komplett unausgesprochen, sowie auch filmisch nur angedeutet. Vor allem mit den allgegenwärtigen Glasscheiben, die - verregnet, beschlagen oder verdreckt - sich immer vor die Figuren schieben. Besonders vor das einfache Ladenmädchen - nicht im Sinne Krakauers - Therese, dieses unentschiedene Wesen „von einem anderen Stern", wie Carol bemerkt.

Wie sich Therese durch schmerzhafte Erfahrungen doch zu einer Fotografin wandelt und dafür vielleicht ihre Liebe aufgibt, ist eine der Entwicklungen im wunderschönen Fluss der Bilder. Todd Haynes machte übrigens aus der Bühnenbildnerin der Vorlage von Patricia Highsmiths frühem, noch unter Pseudonym veröffentlichtem Roman „The Price of Salt" eine Fotografin - sinnvoll für diesen großartigen Augenfilm, der seinen leicht vergilbten Farbton mit echtem Super16-Film erzeugte.

Todd Haynes zeigte sich in „Dem Himmel so nah" mit Julianne Moore als Meister des klassischen Melodrams. Nun entschied er sich für eine schwelgerisch ruhige Entwicklung. Filme mit solch stimmiger Sorgfalt und perfektem Stil werden nur noch selten gemacht. Komplexe Kompositionen und Ausleuchtungen sorgen unbewusst für ästhetisches Wohlbehagen. Dabei ist jedes Detail bedeutungsvoll, um das große Drama fein leise zu erzählen. Denn was unaussprechlich erscheint, gilt immerhin als „Unsittliches Verhalten" und reicht aus, um Carol der Psychotherapie zu überschreiben und ihr das Sorgerecht umgehend zu entziehen. Da funktioniert auch der alte amerikanische Traum, die Freiheit bei einem Roadtrip gen Westen zu suchen, nicht mehr. Wobei „Carol" gerade im Stillstand, im Gefängnisses aus unsichtbaren Glas-Wänden, als bewegende Geschichte mit betörenden Bildern und traumhaft stimmigem Soundtrack von Carter Burwell exzellent funktioniert.

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