15.11.15

Mia Madre

Italien, Frankreich 2015 Regie: Nanni Moretti mit Margherita Buy, John Turturro, Giulia Lazzarini, Nanni Moretti 106 Min.

Da tobt auf der Straße der alte Klassenkampf, brutal niedergedrückt von den Wasserwerfern des Kapitals. Und während die Regisseurin Margherita (Margherita Buy) ihr Team inquisitorisch befragt, auf welcher Seite sie eigentlich ständen, tobt in ihr ein ganz anderer Kampf. Denn Margheritas Mutter Ada (Giulia Lazzarini) liegt im Sterben. Und wenn sie der Kranken etwas Gutes mitbringen will, hat der perfekte Bruder (Nanni Moretti) schon das perfekte Mal zubereitet.

Das normale (Arbeits-) Leben einer Frau also, die an allen Fronten perfekt sein will, aber zweifelt, überhaupt irgendwas richtig zu machen. Die erwachsen werdende Tochter zickt und vernachlässigt das Lernen. Den Liebhaber Vittorio wirft Margherita mal vorsorglich raus, es ist gerade alles zu viel. Der Kommentar dazu kommt später ruhig und treffend: Sie würde alles negativ sehen und so auch die Menschen vergiften, die sie liebten.

Nein, Margherita ist keine Heldin und auch nicht tragische Figur. Sie ist vor allem ... Mensch. Und Regisseurin, was daran liegt, dass Nanni Moretti nicht nur hervorragende, berührende und wunderschöne Filme macht, sondern auch immer persönliche. Unvergessen, wie er mit seiner Vespa in „Liebes Tagebuch" („Caro diario") durchs sommerlich verlassene Rom rollte und danach die Erfahrung der eigenen Krankheit humoristisch aufarbeitete. Nun steht der Tod der eigenen Mutter zentral, denn als Moretti 2011 seinen kirchenkritischen „Habemus Papam" inszenierte, starb seine Mutter. Übrigens auch Lehrerin, wie die Mutter in „Mia Madre" .

Aber „Mia Madre" ist auch ein Film über Arbeitslosigkeit und es ist klar, auf welcher Seite der Proteste Margherita und Moretti stehen. Und es ist Komödie mit John Turturro als herrlich exzentrischem US-Star Barry Huggins, der an seinen italienischen Wurzeln arbeitet, aber eigentlich noch mal zur Schauspielschule müsste. „Mia Madre" lässt viel Abschied und Trauer spüren, erfreut aber zwischendrin mit wunderschön leichten Szenen und großartigen Musikstücken im Hintergrund. Geschickt spielt Moretti mit den (Alb-) Träumen Margheritas, wobei das Wachwerden auch nicht toll ist, wenn die Wohnung unter Wasser steht. In einer endlos langen Schlange vor einem Kino stehen - zu Cohens „Famous Blue Raincoat" - die nahen Menschen ihres Lebens und Margherita selbst in jungen Jahren.

Eine ganze Menge Leben verkörpert Margherita Buy, dieser italienische Star mit dem sehr jungen Gesichtsausdruck, mit immer wieder mädchenhaft unsicherem Blick. Unsicher selbst auf dem Set, mit tränenerfüllten Augen immer mehr mit ihren Gedanken und ihren Gefühlen bei der Mutter.

Nun ist „Mia Madre" leider nicht die Mutter alle Moretti-Filme, so wie „Todo sobre mi madre" (Alles über meine Mutter) einer der besten Filme des Spaniers Pedro Almodóvar war. Das bleibt die andere Abschiedsgeschichte Morettis, „Das Zimmer meines Sohnes" aus dem Jahr 2001. „Mia Madre" ist jedoch eines der stillsten Werke des ansonsten so ADHS-verdächtigen, „typisch" italienischen Aktivisten Moretti. Was wiederum eine besondere Qualität von und wohl der passendste Stil für „Mia Madre" ist. Nanni Moretti, der in „Habemus Papam" den Psychologen des Papstes spielte und in „Der Italiener" Silvio Berlusconi, wirkt hier völlig ausgeglichen als vorbildlicher Bruder. In Cannes gab es für „Mia Madre" den Preis der ökumenischen Jury.

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