30.11.15

Das brandneue Testament

Belgien, Frankreich, Luxemburg 2015 (Le tout nouveau testament) Regie: Jaco Van Dormael mit Pili Groyne, Benoît Poelvoorde, Laura Verlinden, Catherine Deneuve 115 Min. FSK: ab 12

Die Deneuve geht mit einem Gorilla ins Bett, ein Scharfschütze trifft die Liebe seines Lebens und Gott ist ein tyrannischer Prolet. Der witzigste und geistreichste Film des Jahres dreht Religion auf links und schleudert altbekannte Vorstellungen durch eine verrückte Bilderwelt. Nach „Mr. Nobody" (2009) mit seinen Parallelwelten einer Liebe, den Lebensweisheiten eines mongoloiden Jungen „Am achten Tag" (1996) und dem fantastischen Spaß „Toto der Held" (1991) begeistert der Belgier Jaco Van Dormael mit einem neuen Meisterwerk und überraschenden Einsichten in Schöpfungsgeschichte, Theodizee sowie dem Geschlecht Gottes.

Gott lebt in Brüssel und ist kein netter Kerl. Er läuft in Morgenmantel und Badelatschen rum, schlägt seine zehnjährige Tochter Ea (Pili Groyne) mit dem Gürtel und wird kongenial verkörpert von Benoit Poelvoorde („Mann beißt Hund"). Der Sohn, kurz J. C. genannt, ist ihm schon vor einiger Zeit weggelaufen. Die Tochter würde das auch tun, aber die Wohnung hat keine Tür. Dafür ein Büro ohne Fenster mit unüberblickbar hohen Regalen und einem schäbigen Computertisch in der Mitte. Dort schuf Gott die Welt - mit einem schäbigen Computerprogramm.

Neben den bekannten Geboten hat dieser mürrische und sadistische Kerl sich noch tausende weitere, gemeine Gesetze ausgedacht: Die Sache mit dem Marmeladenbrot, das immer auf der falschen Seite landet, zum Beispiel. Irgendwann hat Ea die Nase voll von den Quälereien, schickt eine verräterische Email an alle Menschen und haut von zuhause ab. Der große Bruder hat ihr den Notausgang verraten: Durch die Waschmaschine bei 40 Grad, Synthetik mit Schleudern.

Nun landet Ea in der Welt - sprich: Brüssel - und sucht sich ihre Apostel. Auch ein Tipp von Jesus! Ein alter Obdachloser schreibt alles auf im „brandneuen Testament". Die herrlichen Geschichten der sechs neuen Apostel, die sich nach und nach im berühmten Abendmahl-Gemälde von Leonardo da Vinci hinzugesellen - unter ihnen Catherine Deneuve, sind zu schillernd, um sie zusammenfassend zu verstümmeln. Aus den hunderten von Ideen-Perlen nur der Traum der wunderschönen Aurélie (Laura Verlinden), die als Kind in der Metro einen Arm verlor und nun von ihrer nicht mehr vorhandenen Hand ein traurig-schauriges Tänzchen vorgeführt bekommt - zu Musik von Händel!

Die neue „Messiasine" Ea kann selbst nicht besonders viel, nicht einmal weinen. Etwas Telekinese, übers Wasser gehen selbstverständlich, die Melodie der Menschen in ihrem Herzen hören und ihnen schöne Träume bereiten. Was sie in der Welt bewirkt, ist allerdings atemberaubend: Die erste Email verriet allen Menschen ihr Todesdatum - mit aberwitzigen und rührenden Konsequenzen. Und mit dem sofortigen Ende aller Kriege! Gott ist entsetzt, denn jetzt machen die Menschen, was sie wollen, und das ist gar nicht so schlecht. Mit einigen ihrer neuen Apostel zieht Ea nach Ostende, um deren Ende zu feiern ...

Ein Lachen, das sich wie Perlen über eine Marmor-Treppe ergießt. Solch wunderbare Metaphern gießt Jaco Van Dormael in noch schönere Bilder. Wobei in der neuen Schöpfung einer neuen Göttin (die großartige Yolande Moreau aus „Louise Hires a Contract Killer") alles bestens harmoniert, dies ist kein aufgesetzter Stilwille, hier wird keine geniale Idee nur für sich selbst ins Bild gesetzt. Dass eine unverschämt mutige - nur nebenbei: exzellent gespielte und inszenierte - Idee den Blick auf die Welt verändert, ist selten. Jaco Van Dormael ist dies mit seiner berührend komischen und nachdenklichen Film-Schöpfung gelungen.

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