18.10.15

The Walk

USA 2015 Regie: Robert Zemeckis mit Joseph Gordon-Levitt, Ben Kingsley, Charlotte Le Bon, James Badge Dale 123 Min. FSK: ab 6

Man sagt, gute Schauspieler könnten auch Telefonbücher spannend interpretieren. Beim Film wäre Robert Zemeckis ein Regisseur, dem Entsprechendes zuzutrauen ist. „The Walk" zeigt sehr schön, was Zemeckis alles drauf hat. Aber auch, dass ein Telefonbuch ein Telefonbuch bleibt. Der Balance-Akt von Philippe Petit in 417 Metern Höhe zwischen den Türmen des World Trade Center aus dem Jahre 1974 ist so spannend wie eine schlaffe Wäscheleine.

Der große Traum von Philippe Petit (Joseph Gordon-Levitt) beginnt 1973 in Paris, was er selbst immer wieder in die Kamera berichtet: Der kleine anarchische Akrobat will den glorreichsten Hochseiltakt der Geschichte vollbringen. Dazu geht er zuerst beim Akrobaten-Patriarchen Papa Rudy in die Lehre - Ben Kingsley gibt dem Film früh die besten Schauspielmomente. Nach einem ersten Stunt zwischen den Türmen von Notre Dame zieht die Handlung nach New York, wo das World Trade Center mit seinen Zwillingstürmen gerade vor der Fertigstellung steht. Mit einem nicht ganz idealen Team aus eigenwilligen Typen und seiner Freundin Annie (Charlotte Le Bon) starten Vorbereitungen wie für einen klassischen Raubzug.

Regie-Legende Robert Zemeckis („Cast Away – Verschollen", „Zurück in die Zukunft") muss hier einige Register aus der Filmtrick-Kiste ziehen, um den bekannten Ausgang zu dramatisieren. Da haut ein bekiffter Helfer früh ab, als er versteht, dass die Aktion nicht ganz gesetzesgemäß ist. Ein anderer muss ausgerechnet mit Höhenangst lange über einem tiefen Aufzugschacht hocken. Und ein Nachtwächter macht sein Nickerchen direkt neben dem Base-Camp auf der vorletzten Etage. Doch dank der nervigen Rahmen-Einblendungen war jedem jederzeit klar, dass Petit diese Geschichte überlebt hat. Selbst falls man nicht einen der verräterischen Trailer gesehen oder die Vorlage gelesen hat. „The Walk" basiert auf Philippe Petits Buch „To Reach the Clouds". Regisseur James Marsh erzählte die Geschichte bereits im Dokumentarfilm „Man on Wire – Der Drahtseilakt".

Joseph Gordon-Levitt ist an sich ein exzellenter Schauspieler, was man in „Don Jon", „Premium Rush" oder „Inception" sehen konnte, aber hier nicht. Das liegt auch am bescheuerten französischen Akzent, der gleich mehreren Leuten auferlegt wird. Auch bei Kamera (Dariusz Wolski) und Musik (Alan Silvestri) sparte man nicht. Der Film ist über lange Strecken wegen der 3D-Technik aber sehr dunkel, die paar Schau-Effekte, die dies einbringt, sind keineswegs schwindelerregend. Diese Geschichte hat sehr wenig Substanz für einen Film, zudem keinen doppelten Boden oder tiefere Bedeutung.

Dass „The Walk" trotz eigentlich atemberaubender Aussichten und guter Besetzung nie richtig packt, liegt vielleicht auch daran, das heute fast täglich sensationelle Stunts vollbracht werden - von Brauseherstellern gesponsert und von zahllosen Kameras aufgenommen. So bleibt nur im historischen Dekor viel Sentimentalität, die für das Kunststück von Petit nicht funktioniert und für das World Trade Center einen großen erzählerischen Umweg nimmt. Denn das letzte Bild ist den Zwillingstürmen gewidmet, die seit den Anschlägen im Jahr 2001 nicht mehr die Silhouette New Yorks prägen.

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