27.10.15

Madame Marguerite oder Die Kunst der schiefen Töne

Frankreich, Tschechien 2015 (Marguerite) Regie: Xavier Giannoli mit Catherine Frot, André Marcon, Michel Fau, Christa Théret 129 Min.

Schöne Melodien und eine schreckliche Stimme - das bietet „Madame Marguerite" in Anlehnung an die historische Florence Foster Jenkins (1868–1944) ihrem persönlichen und dem Kino-Publikum. Regisseur Xavier Giannoli macht aus der Miss mit dem Missklang auf exzellente Weise eine überraschend bewegende Geschichte.

Marguerite (Catherine Frot) kann es sich vor allem finanziell erlauben, ihrem Sanges-Hobby zu frönen, begleitet vom besten Salon-Orchester. Beim Wohltätigkeits-Event traut sie sich direkt an die Arie der Königin der Nacht, was in furchtbarem Geschrei ausartet. Doch alle anderen in ihrer adeligen Gesellschaft spielen bei dieser Farce mit, wenn sie nicht entkommen können.

Während Marguerites Ehemann mal wieder durch eine Autopanne verhindert ist, treiben ein Journalist und ein Dada-Künstler den Wahnsinn auf die Spitze. Die Opern-Verrückte wird in ihrem Wahn bestärkt und solle doch bald öffentlich im wilden Paris der 20er auftreten. Was sich leicht arrangieren lässt, denn „Geld hat keine Bedeutung, man muss es nur haben", so Marguerite. Und sie hat reichlich, während ihr Mann nur den Adels-Titel in die Ehe brachte. Wirklich treu scheint ihr nur der Diener Madelbos (Denis Mpunga) zu sein, der die Selbst-Täuschung hinter den Kulissen eifrig unterstützt.

Marguerite ist eigentlich eine furchtbar tragische Figur, wenn sie mit ihrer venezianischen Maske traurig und abgewiesen auf dem Bett sitzt. Aber Regisseur Giannolis („Chanson d'Amour" mit Gérard Depardieu und Cécile de France) schöner und überraschender Film macht sich letztlich nicht lustig, lässt mitfühlen und -leiden.

Parallel zur wahnsinnigen Karriere Marguerites läuft am Rande die Entwicklung der jungen und hervorragenden Sängerin Hazel (Christa Théret) mit, in die der Journalist heimlich verliebt ist. Also einer, der im Gegensatz zu Marguerite seine Leidenschaft nicht auslebt. Die falsch klingende Diva hingegen kann mit ihrem konsequenten Wahnsinn, mit ihrer unerschütterlichen Selbsttäuschung doch noch so etwas wie Liebe bei ihrem Mann erwecken. Und so funktioniert auch der Film: Er zeigt eine Albernheit, eine peinliche Selbstdarstellung mit großer Ernsthaftigkeit und selbst bis in die groteskesten Nebenrolle hervorragend gespielt. Wie eine der vielen reizvollen und nachdenklichen Bildideen bestätigt: Die Kunst liegt im Auge des Betrachters, des liebenden oder des bösartigen vom ersten und letzten Bild des Films.

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