26.10.15

Der letzte Wolf

China, Frankreich 2015 (Le dernier loup) Regie: Jean-Jacques Annaud mit Feng Shaofeng, Dou Shawn, Ankhnyam Ragchaa 119 Min. FSK: ab 12

Jean-Jacques Annaud ist ein tierisch guter Regisseur: 1988 hatte er uns sehr erfolgreich den „Bär" aufgebunden, 2004 dann gleich zwei Tiger in den Abenteuerfilm „Zwei Brüder" getankt. Jetzt heult er mit den Wölfen, also den staatlichen Filminstanzen Chinas, wobei „Der letzte Wolf" nicht nur ein großartiger, eindrucksvoller und sehr schöner Film ist, er äußert auch politische und ökologische Kritik.

In endlosen Reihen voller Busse werden Studenten aufs Land verschickt - es ist 1967, das zweite Jahr der chinesischen „Kulturrevolution". Unter ihnen der junge Chen Zhen. Auch nach sechs Monaten bei einer Brigade aus Hirten der Inneren Mongolei bewegt er sich mit der Unbedarftheit eines Landausfluges, bis er plötzlich in einer hochdramatischen Situation von Wölfen umzingelt ist. Das Gesicht des Wolfes in Großaufnahme, die Reflektionen im Auge des Pferdes, die Musik von James Horner - da ist nicht nur der Gastarbeiter aus der Stadt fasziniert von den Wölfen. Chen Zhen spürt etwas von der spirituellen Welt der Steppen-Nomaden und sieht ein lächelndes Gesicht am Himmel. Das sei ihr Gott Tengger gewesen, erklärt der alte Batu später in einem der ruhigen Momente, die immer seltener werden.

Denn nach einer der vielen erstaunlichen Szenen, in der Chen Zhen den „Kühlschrank" der Wölfe kennenlernt, plündert der Partei-Delegierte dieses Fleischlager und bringt damit Chaos und Tod in die Region. Er ignoriert das alte Wissen darüber, wie Wölfe im Gleichgewicht der Natur die „grausamen Gazellen" kontrollieren. Denn die sind nämlich eine Bedrohung für das überlebenswichtige Gras. Nun führen die zunehmenden Übergriffe der hungrigen Wölfe zum Befehl des Partei-Leiters, Wolf-Welpen zu töten. Eine von den Mongolen mit Demut und Trauer durchgeführte Grausamkeit. Doch die heimliche Rettung so eines kleinen Fell-Knäuels durch Chen Zhen ergibt nicht eine der üblichen übersüßen Tiergeschichten...

Der neue Film von Jean-Jacques Annaud („Sieben Jahre in Tibet", „Der Liebhaber", „Der Name der Rose") ist mal grandiose Naturdoku mit teilweise mythisch wirkenden Naturbildern und eindrucksvollen Winterlandschaften, wobei das Verdrängen dieser Landschaft und seiner traditionellen Bewohner durch die chinesische Zentralregierung ebenfalls anwesend ist. „Der letzte Wolf" ist in mehrfacher Hinsicht aktuell: Im Umgang mit der originellen Öko-Idee, wieder Wölfe in unseren Wäldern haben zu wollen. Sowie bei der die Besiedlung der Mongolischen Steppe durch Bauern, die in einem für Landwirtschaft ungeeigneten Gebiet für eine ökologische Katastrophe sorgen.

Das vermitteln immer wieder sehr eindringliche Szenen: Bizarr gefrorene Standbilder nach einem schrecklichen Kampf haben die Grausamkeit von Goyas Grafiken „Die Schrecken des Krieges". Höchstdramatisch sind die Überfälle der Wölfe inszeniert. Zudem atemberaubend durch erstaunliche Luftaufnahmen der Tierhetzen.

Dabei verniedlicht Annaud nicht das schwierige Verhältnis beim Zusammentreffen ignoranter Städter und rücksichtloser Partei-Bürokraten mit den Menschen der Steppe. Die Wölfe sind nicht gut oder böse. Das Zähmen geht nicht ohne Verluste und böse Bisse ab. Doch „Der letzte Wolf" gewährt wunderbare Einblicke in diese Lebensweise, zeichnet den tatsächlichen Konflikt der Inneren Mongolei auf und deutet einen Weg des Miteinanders zumindest an.

(Wer es allerdings ganz ohne Romantik haben will, sollte sich auf Youtube das Video einer freilaufenden Hündin und deren Kampf gegen zwei Wölfe in den schwedischen Wäldern ansehen.)

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