29.9.15

Sicario

USA 2015 Regie: Denis Villeneuve mit Emily Blunt, Benicio Del Toro, Josh Brolin 121 Min. FSK: ab 16

Höchst spannend und wunderbar gegen den Hollywood-Strich inszeniert: „Sicario" vom kanadischen Autorenfilmer Denis Villeneuve lässt mit eindrucksvoller Besetzung und hammerharter Geschichte CIA, Drogen- und Hollywood-Kartell gleichermaßen schlecht aussehen und wiederholt die gekonnte Desorientierung von „Prisoners" und „Enemy".

Die Suche nach Geiseln bringt die FBI-Agentin Kate Macer (Emily Blunt, die „Young Victoria") zu einem Haus voller Leichen hinter den Wänden und zu einer seltsamen Beförderung. Denn Matt Graver (Josh Brolin), der zwischen vielen Anzügen grinsend mit Kaugummi und Flipflops sitzt, zeigt keine Dienstmarke, nennt keinen Rang. Er möchte Kate bei einem Einsatz an der Grenze zu Mexiko dabeihaben - weil sie so knallhart sei. Die Grenze wird allerdings schnell überschritten. Eine Gefangenen-Übergabe in der Grenzstadt Juárez ist so spannend wie eine ganze Jahresproduktion von Hollywood-Thrillern zusammen. Danach noch der Auftritt von Benicio Del Toro als mysteriöser Kolumbianer Alejandro und der Gefangene ist schon vor der Folter so entsetzt wie das rechtschaffene Kinopublikum.

„Sicario" ist ein Schock und eine Sensation. Ein extrem blutiger, morbider Beginn markiert die eskalierenden Kartell-Aktivitäten im Drogengeschäft. Das gesetzlose Duo aus CIA-Agenten Graver und dem völlig ungebundenen Bluthund Alejandro verfolgt eine Taktik im Kampf gegen Drogen, die ähnlich im Roman „Cobra" von Frederick Forsyth angewandt wurde. Losgelöst von allen Regeln und Gesetzen wird der Drogen-Traffic sabotiert, bis sich die beteiligten Gangs selber zerfleischen. Das ergibt Chaos und Massenmord, aber in der entsprechenden zynischen Rechnung immer noch weniger Opfer als bei einem „intakten" Drogenhandel.

Während diese eingängig perverse Idee mit von Stars unterfütterter Coolness auf schockierende Weise durchgezogen wird, sorgt die Inszenierung von Villeneuve und seinem Team für den körperlichen Schock. Bei der rasanten Fahrt durch das Kriegsgebiet Juárez vibrieren extreme Bässe bis ins Mark (Musik: Jóhann Jóhannsson). Die Bilder von Kamera-Star Roger Deakins, geschnitten von Joe Walker erzeugen Hochspannung, noch bevor die Jeep-Kolone im Stau stecken bleibt und ein Haufen tätowierter Gangster sofort von Kugeln zerfetzt wird, als er seine Waffen zieht.

„Dramatisch überreagieren" ist das Prinzip der gesetzlosen CIA-Cowboys - und von Villeneuves packendem und ungeheuer ernüchterndem Film. Das ist wie Soderberghs „Traffic" nur viel brutaler. Und Kate ist wie die FBI-Agentin (Jessica Chastain) in Kathryn Bigelows Bin Laden-Jagd „Zero Dark Thirty": Zu rechtfertig sensibel für die Welt der Wölfe. Das Entsetzen über die Taten der „Guten" kulminiert in einem horrenden Anti-Klimax, der jeden Hollywood-Wunsch nach einem gerechtem Helden enttäuscht. Und sich damit wie ein Stachel in diese Film-Emotion bohrt.

„Sicario" ist ein exzellenter Unwohl-Fühlfilm. Wie will man auch angesichts der Gewalt und Drogen-Kriminalität beispielsweise in Mexiko eine befriedigende (Auf-) Lösung finden, ohne einen völlig blöden Film zu fabrizieren? Dieser großartig provozierende Film stellt eine Herausforderung dar, nicht nur wegen der unerträglichen Situation, die nur ansatzweise realistisch, aber auch nicht beschönigt dargestellt wurde. Auch das Vertrauen in Hollywoods Konventionen wird auf dann doch wohltuende Weise in Frage gestellt.

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