9.9.15

Everest

Großbritannien, USA, Irland 2015 Regie: Baltasar Kormákur mit Jason Clarke, Josh Brolin, John Hawkes, Robin Wright, Michael Kelly, Sam Worthington, Keira Knightley, Emily Watson und Jake Gyllenhaal 122 Min. FSK: ab 12

Der Berg ruft, ja, er schreit geradezu nach 3D! Auf dünnen Leitern balancieren über scheinbar bodenlose Gletscherspalten, winzige Menschlein an unfassbaren Abhängen, vereiste Bergflanken soweit die Kameraschärfe reicht ... noch nie wirkten die Massive des Himalayas so massiv und imposant wie in diesem 3D. Weshalb man jedoch für das Bergsteiger Drama „Everest" den isländischen Regisseur Baltasar Kormákur („2 Guns", „The Deep", „101 Reykjavik") rief, erschließt sich nur partiell.

Die Handlung nach wieder so „wahren" Geschichten und dem Buch von Simon Beaufoy („Slumdog Millionaire", „Die Tribute von Panem – Catching Fire") entwickelt sich erst einmal so konventionell, dass einem die Zehen nicht abfrieren aber einschlafen: Im Stau von dem Everest begleiten wir 1996 zwei Expeditionen mit Kunden, die Zehntausende für die betreute Gipfelbesteigung zahlen. Rob Hall (Jason Clarke) gilt als „Händchenhalter" seiner nicht gänzlich fitten Truppe. Scott Fischer (Jake Gyllenhaal vom Boxring in den Schnee) hingegen, ein saufender Berghippie, betreibt das Geschäft mit einer ungesunden Portion Wahnsinn.

Nach einer Einweisung der Medizinfrau zu tödlichen Gefahren auch fürs Kino-Publikum, geht es im Schweinsgalopp hinauf zur Todeszone. Leichen pflastern ihren Weg, da wird Blut gespuckt, sich im Wahnsinn mal flott entkleidet und die unausweichlichen Erfrierungen kommen groß ins Bild. Doch erst im letzten Viertel des Films packt die Spannung richtig. Es gibt reihenweise Ausfälle, aber keiner will aufgeben. Der zu gutmütige Rob schleppt auch den schwächsten Kunden auf den Gipfel und kehrt viel zu spät zurück. Der Gipfelsturm wird in einem Eissturm zur tödlichen Katastrophe.

Eine halbe Stunde Hochspannung, das erfüllt der isländische Regisseur Baltasar Kormákur. Also genau, was er in „2 Guns" mit Denzel Washington und Mark Wahlberg versprochen hat. Und genau nicht, was er in seinem Arthouse-Film „The Deep" meisterlich hinbekam, den Mensch in eisigen Naturgewalten als fast mythische Erzählung präsentieren. So ist „Everest" 100 Prozent frei von Pathos. Kormákur vermeidet die völkischen Gletscher-Fallen, die Luis Trenker, Arnold Fanck, Leni Riefenstahl und zuletzt Philipp Stölzl in „Nordwand" mit problematischer Fürmann-Besetzung ausgelegt haben, in diesem zumindest für germanische Gebiete problematischen Genre. So bleibt nur die Frage, ob man diese Art von Brachial-Spannung braucht.

Die 3D-Aufnahmen bleiben auf jeden Fall großartig. Für diese grandiose Größe in eisiger Klarheit bezahlt man allerdings aus technischen Gründen (verdunkelnde 3D-Brille) mit Dunkelheit im Rest des Films unter 2000 Meter. Und damit ist nicht die dunkle Depression gemeint, die den draufgängerischen Texaner Beck Weathers Josh Brolin) im Alltag bedrückt.

Neben einer Eisleiche in der Wand bleibt auch ein Widerspruch hängen: Die wichtigsten Protogonisten haben als Rettungsanker die Liebe einer Frau zuhause. Die wirkt mal als Rettungsflieger im Stile der US-Kavallerie, mal als technisches Band übers Telefon. Nur, warum nehmen die Helden so was auf sich, wenn sie doch diese Liebe haben? Das hätten Film und Buch beispielsweise mehr als oberflächlich ergründen können. Auch die mediale Verwertung spielt wie der Kirmes des Basislagers am Rande eine Rolle, denn jedes Unternehmen hat seinen Journalisten dabei. So werden vor allem Leersätze (Knightley: „Ich muss immer an dich denken!") und Standard-Mimik vorgeführt. Wie die Luxus-Touristen vor der Eiswand drängeln sich bekannte Gesichter auf die Leinwand: Keira Knightley nervt von Anfang an als weinerliche Ehefrau. Emily Watson packt als „Mutter des Basislagers" erst zu, bevor auch sie heult. Zum Heulen ist „Everest" nicht, aber er braucht ganz schön viel Aufwand und Zeit für einige eindrucksvolle Bilder und 30 Minuten Spannung.

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