19.7.15

Taxi Teheran

Iran 2015 (Taxi) Regie: Jafar Panahi 86 Min. FSK: ab 0

Ein Film, den es nicht geben dürfte, und der trotzdem bei der 65. Berlinale völlig überzeugend den Goldenen Bären gewann: „Taxi Teheran" vom mit Beruf- und Ausreiseverbot belegten iranischen Meister-Regisseur Jafar Panahi ist ein sehr raffinierter und mit viel Witz inszenierter Einblick in die gesellschaftliche Realität des heutigen Iran.

Panahi stürzt sich selbst mutig als Taxifahrer in den Verkehr von Teheran. Oder ist das wirklich sein neuer Broterwerb, denn Filme darf er ja nicht mehr drehen? Doch den Fahrgästen fällt sofort die kleine Kamera auf dem Armaturenbrett des Taxis auf: Ob der Herr Panahi wohl für ein neues Projekt drehe, fragen die kulturell enorm gebildeten Menschen. Dokumentation oder Fiktion? Diese Frage ist auch ein erster Reiz dieser ungewöhnlichen, aber großartige funktionierenden Versuchsanordnung, einen Film nur mit einer kleinen Kamera hinter der Windschutzscheibe zu drehen. Wie es schon Kiarostami mit „Nine" ebenfalls nur im Taxi in Teheran machte.

Doch schon der dritte Fahrgast, ein fahrender Händler für illegale DVDs, deckt die Inszenierung dank seiner Kenntnis von Panahis Werk auf. „Das war doch wie in ..." Nicht uneitel zitiert der geniale iranische Regisseur sich selber, macht aber auch die politische Situation seiner Heimat mit erstaunlicher Exaktheit klar. Ob Diebe hingerichtet in dem Land mit den meisten Hinrichtungen nach China werden sollen, diskutiert der Film spielerisch an einigen moralischen Exempeln bis zur herrlichen Schlusspointe. Während die kleine Hana Panahi, Nichte des Regisseurs, bei ihrem filmischen Schulprojekt von Zensurregeln ausgebremst wird, malt eine Anwältin in ein paar Sätzen aus, wie die Diskriminierung unliebsamer Iraner vor sich geht. Sie selbst ist auch davon betroffen, erwartet ein Berufsverbot von ihrer eigenen Anwalts-Vereinigung. Es geht völlig spielerisch bei der äußerst ereignisreichen Fahrt dieser sympathischen Geschichte auch noch um Geschlechterungleichheit, ungerechte Verteilung von Wohlstand und Aberglaube in der gewöhnlichen und der gefährlichen Form namens Religion.

Jafar Panahi steht seit 2010 unter einem 20-jährigen Berufsverbot, was ihn nicht darin hindert, weiter Filme zu machen, die alle zu den großen Festivals hinausgeschmuggelt werden, wie zuvor „This Is Not a Film" (2011) und „Pardé" (2013). Bekannt wurde er 1995 mit dem poetischen und politischen Kinderfilm „Der weiße Ballon", dann folgte der Frauenfilm 2000 „Der Kreis" und der „Fußball-Film" „Offside" (2005).

„Taxi Teheran" ist eine gleichzeitig märchenhafte und neorealistische Reise ins Heute der iranischen Gesellschaft. Es ist eine Spezialität iranischer Regisseure, raffiniert in kleinen Dingen ganz Großes, Schweres und Wichtiges zu erzählen. Jafar Panahi, der auch seine Preise in Berlin nicht entgegennehmen konnte, beherrscht diese Kunst besonders gut.

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