29.6.15

Men & Chicken

Dänemark, BRD 2015 (Mænd & høns) Regie: Anders Thomas Jensen mit Mads Mikkelsen, David Dencik, Nikolaj Lie Kaas, Søren Malling, Nicolas Bro 104 Min. FSK: ab 12

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm

Da denkt der Kritiker, er hat alles gesehen. Bis aus Dänemark „Men & Chicken" kommt und man erinnert, dass die Sache mit Dogma, Lars von Triers „Idioten" und den anderen früher eigentlich viel wilder war. Selbstverständlich gehört Anders Thomas Jensen zu den anderen, ist als Autor und manchmal auch als Regisseur einer der führende Kopf der „Dänischen Delikatessen". Die diesmal wieder besonders seltsam, komisch und nachhaltig irritierend zubereitet werden. Eine der Hauptzutaten von Jensen ist nach „Adams Äpfel" auch diesmal wieder Mads Mikkelsen - kaum wieder zu erkennen.

Extrem schräg ist schon die Perspektive, in der ein Vater per Video posthum zu seinen beiden Söhnen spricht: Das Stativ rutscht runter und man sieht nur Unterleib und Beine. Schockender noch die Nachricht, Elias (Mads Mikkelsen) und Gabriel (David Dencik) seien gar nicht von ihm, ihr biologischer Vater Evelio Thanatos lebe auf der abgelegenen Insel Ork und sie hätten dort drei Brüder.

Schon die Reise auf das verlassene Eiland mit seiner Geisterstadt und der seltenen Fährverbindung verläuft abstrus. Der Empfang im alten Sanatorium der Rest-Familie dann niederschmetternd. Denn die extrem debilen Kerle Gregor (Nikolaj Lie Kaas, „Eine zweite Chance"), Franz (Søren Malling), Josef (Nicolas Bro aus „Antman" und „1864") prügeln auf alles Fremde ein, es könnte ja jemand vom Amt oder dem Krankenhaus sein. Elias scheint sich direkt wohlzufühlen, er prügelt eifrig mit und verdient sich so den Respekt der Blutsverwandten. Die Hasenscharte bei allen fünf lässt keinen Zweifel an der Abstammung.

Den Vater bekommt man wegen Bettlägerigkeit nicht zu Gesicht. Die fünf unterschiedlichen Mütter auch nicht, sie sollen alle bei der Geburt verstorben sein. Dafür gibt es eine Menge Viehzeugs: Die äußerlich wie innerlich verlotterten Jungs pflegen intensiven Sexualverkehr mit den Tieren, die in den Wohnräumen herumlaufen. Auch das passt dem sex-süchtigen Elias, während der abartig kluge Gabriel - aufgrund der Prügel mittlerweile im Rollstuhl gelandet - zaghaft versucht, ein paar Jahrhunderte menschlicher Entwicklung nachzuholen. Dabei wirken die Brüder selbst wie Tiere, Gabriel weise wie die Eule, Elias als aufbrausender Stier, Gregor treu anhänglich wie ein Hund.

Die Creme de la Creme des dänischen Films ist versammelt - schauspielerisch und mit Anders Thomas Jensen („Zweite Chance", „In einer besseren Welt", „Nach der Hochzeit", „Open Hearts") als Autor und Regisseur. Doch selbst einen Fan kann „Men & Chicken" endlich mal wieder verwirren. Bis es zur humanistischen (oder ironischen?) Kernaussage kommt, dass wir alle irgendwie verwandt sind, ist eine lange Strecke genial inszenierten groben Wahnsinns zu durchstehen. Lebendige Hühner zu vögeln oder ausgestopfte als Waffen zu missbrauchen, sich kindisch über die Verteilung der Tellerchen mit den Tiermotiven zu streiten oder bei jeder Gelegenheit loszuschlagen, das alles erscheint als durchaus unterhaltsamer Wahnsinn ohne besondere Wahrheit. Die enthüllt sich jedoch schließlich mit durchdringender Wucht. Der von hinten entschlüsselbare Sinn des Ganzen lässt lange denken und diskutieren.

„Men & Chicken" ist eine absurde Komödie auf einer Inzest-Insel mit Geisterstadt, ein Thriller mit verbotenen Oberstübchen und Kellerverließen, ein Frankenstein-Horror mit schaurigen Experimenten. Dazu das Verbot, zu entdecken, wer wir sind und wo wir herkommen. Ein provokanter, umstrittener und streitbarer Film - nicht das schlechteste in Zeiten feiger, berechenbarer Fließband- und Sender-Produktionen. Die Bibel wird als unglaubwürdiges Märchenbuch vorgelesen, die Opferung Isaacs durch seinen Vater Abraham mit der Genmanipulation in Zusammenhang gebracht. Das ist letztendlich viel mehr als ein Statement und als die Wiedergeburt politisch unkorrekter Filme, es ist ein komisches und komplexes Gedankengebäude zur Einzigartigkeit oder zur näheren Verwandtschaft der menschlichen Rasse.

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