22.6.15

Freistatt

BRD 2014 Regie: Marc Brummund mit Louis Hofmann, Alexander Held, Stephan Grossmann, Katharina Lorenz, Max Riemelt 108 Min. FSK: ab 12

Ohne dass explizit auf sie verwiesen wird, schwebt in den weichgezeichneten, pop-bunten Bildern von Kamerafrau Judith Kaufmann etwas von den freien 68ern. Doch für den 14-jährigen Wolfgang (Louis Hofmann) ist die Freiheit ganz schnell zu Ende, als ihn sein gewalttätiger Stiefvater (Uwe Bohm) in ein Heim steckt. Freistatt heißt das diakonische Fürsorgeheim südlich von Bremen. Ein höhnischer Name, den man sich nicht ausdenken musste, denn der Film wurde sogar am genau so genannten, historischen Ort dieser Unmenschlichkeiten gedreht.

Die Begrüßung durch den freundlich wirkenden Leiter, Hausvater Brockmann (Alexander Held), verspricht auch pädagogische Freiheit im Geiste von Willy Brandt, dessen Plakate in der Stadt hängen. Doch direkt am ersten Abend wehrt sich der ungemein gerechte Wolfgang gegen die Quälereien, die ein kleiner, dicklicher Junge erleiden muss. Er bietet dem Leithammel unter den Heimjungen die Stirn. Doch das ausgeklügelte System der Unterdrückung braucht einige Zeit, um in seiner ganzen Perfidität verstanden zu werden. Die schwächeren Heimkinder zahlen mit Tabak und Geld für Schutz der Großen, und wenn einer versucht, zu fliehen, müssen alle zur Strafe hungern.

Die gemeinen Unterdrückungen finden unter den Augen der Aufseher statt, die sich „Brüder" nennen. Nach dem Prinzip „Good Cop, Bad Cop" führt der sadistische Bruder Wilde (Stephan Grossmann) mit unverhohlener Gewalt und seinem Gummiknüppel die Maßgaben des Unterdrückungssystems durch. Der gütigere Bruder Krapp (Max Riemelt) lässt den Jungs auch mal ihren Spaß, nimmt einzelne in Schutz. Eine bittere Nächstenliebe, denn später stellt sich heraus, dass Krapp Päderast ist.

Auch an diesem Duo zeigt sich die Vielschichtigkeit des exzellenten Films mit seinen psychologisch tief verflochtenen Schicksalen: Selbst Wilde hat Szenen, in denen sein Zwang gezeigt wird, in denen man sein Handeln besser
verstehen lernt. Das System, Zwang weiterzugeben, ist ein weiterer, eindrucksvoller Hauptakteur in „Freistatt". Der Priester und die Kirche machen alles mit, überdecken alles mit ihrem Mantel der Liebe. Freistatt ist ja schließlich ein Heim des Diakonisches Werkes, dessen schwere Kindesmisshandlungen an 300.000 Jugendlichen 2009 und 2010 auch im Bundestag behandelt wurden.

Eindringlich erzählt „Freistatt" die Geschichte eines Gefangenen- und Arbeitslagers mitten in Deutschland während der 68er-Rebellion. Das Lied von den Moorsoldaten, 1933 von Häftlingen des Konzentrationslagers Börgermoor bei Papenburg im Emsland geschrieben, ist nicht ganz unpassend, wenn die Zöglinge zum brutal harten Arbeitseinsatz losziehen. Wie ein Deichgraf hoch zu Ross überwacht Hausvater Brockmann aus der Ferne die Ausbeutung der Jungs, während Bruder Wilde selbst mit dem Spaten zuschlägt. Zumindest das lernt der rebellische Wolfgang schnell, um mit seinem Freund, dem doppelt schikanierten „Negerjungen" Anton (Langston Uibel), zu fliehen.

Es ist einfach sehr selten, dass deutschen Filmemachern derart viele Szenen in einem Film derart grandios gelingen: Da gibt es diese Flucht wie in den Sümpfen der Südstaaten. Bei einem der wenigen Momente des Glücks während eines Bades in der freien Natur jubelt auch die Landschaft in großartigen Bildern während am Himmel die Zugvögel ziehen.

Doch die Flucht misslingt und führt nur zu noch härter Folter und Isolationshaft. Der Zögling Wolfgang wird zum gepanzerten Zombie, der seine Gefühle nur noch mit Gewalt ausdrücken kann. Das diakonische Heim Freistatt konserviert nicht nur thematisch im System der Verpanzerung junger Männer zu preußischen Zuchtanstalten, die hier vorher standen und die dem Faschismus zugrunde lagen. Auch filmisch darf man den Vergleich zum Verfilmung „Der junge Törleß" von Volker Schlöndorff aus dem Jahre 1965 nach Robert Musils Roman „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß" wagen. „Freistatt" erhielt beim Filmfestival Max Ophüls Preis 2015 den Publikumspreis und den Preis der Jugendjury und ist schon jetzt als einer der besten und eindringlichsten Filme des Jahres sowie ein Favorit für die nächsten Filmpreise. Und Regisseur Marc Brummund ein Name, den man sich merken muss.

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