11.5.15

Zweite Chance

Dänemark, Schweden 2015 (En chance til) Regie: Susanne Bier mit Nikolaj Coster-Waldau, Maria Bonnevie, Ulrich Thomsen, Nikolaj Lie Kaas, May Andersen 98 Min. FSK: ab 12

Trotz ihres unglücklichen Western-Ausflugs „Serena" gehört Susanne Bier mit einer eindrucksvollen Filmographie zum Besten, was das Kino unserer Zeit zu bieten hat. Von dem frühen „Open Hearts" (2002) über den Mad Mikkelsen-Knaller „Nach der Hochzeit" (2006) bis zur italienischen Tragikkomödie „Love Is All You Need" (2012) mit Pierce Brosnan und Trine Dyrholm gelangen der 1960 in Kopenhagen geborenen Dänin nur Meisterwerke. Für „Love Is All You Need" erhielt sie 2013 den Europäischen Filmpreis und „In einer besseren Welt" gewann 2011 einen Oscar. Eine eindrucksvolle Reihe, die sich mit „Zweite Chance" fortsetzt: Zwei Familien in krass unterschiedlichen Gesellschaftsschichten und zwei Babys ergeben eine schockierende Geschichte, die nur ganz am Ende auf die Lars von Triersche Konsequenz zum Unerträglichen verzichtet.

Andreas (Nikolaj Coster-Waldau) und Anna (Maria Bonnevie) leben den Familientraum im offenen Haus am See. Nur dass der Nachwuchs wenig schläft und viel schreit, belastet den jungen Kommissar. Doch wie groß seine Kinderliebe ist, zeigt sich während eines unfreundlichen „Hausbesuchs" der Polizei-Partner Andreas und Simon (Ulrich Thomsen). Der extrem unsympathische, auf Bewährung freie Dealer Tristan (Nikolaj Lie Kaas) lebt mit verwahrlostem Kind sowie mit geschlagener und abhängig gemachter Freundin in einem Drecksloch. Andreas wäscht und wickelt daraufhin das vom eigenen Kot bedeckte Baby. Eine Begegnung, die den jungen Vater nachhaltig schockiert. Wir werden kurz darauf gleich mehrfach geschockt: Nachdem Andreas' Sohn Alexander tot in seiner Wiege liegt und Anna schier wahnsinnig wird, tauscht der Polizist die Kinderleiche gegen das Baby des Kriminellen aus. Andreas ist überzeugt, „das Richtige" zu tun...

Völlig unfassbar und doch niemals unglaubwürdig. Der ungemein spannende Thriller „Zweite Chance" stellt über das Hinterstübchen die Frage, ob unbedingt die reich ausgestatteten Kinderstuben die besten sind - nicht nur im reichen Dänemark. Dabei überrascht das Buch damit, dass auch im Glashaus nicht alles offensichtlich ist.

Die neuerliche Bier-Sensation „Zweite Chance" wird von mittlerweile international bekannten Darstellern aus Dänemark exzellent, feinfühlig und packend umgesetzt. Vor allem beeindruckt auch May Andersen als geprügelte Junkie-Mutter Sanna.

Immer dabei bei diesen Meisterwerken von Susanne Bier ist als Koautor Anders Thomas Jensen („Adams Äpfel", „Dänische Delikatessen"). Ein Duo infernale, was die enorme Wirkung ihrer Filme betrifft. Wirkung im Sinne von Magengruben, die sich verwinden, und Tränendrüsen, die überlaufen. Aber auch im Sinne von Nachhaltigkeit, da all ihre Geschichten mitten im Jetzt und im Leben geschehen, in Bereichen spielen, die jedem Zuschauer nahe sind und nahe gehen müssen.

Ihre unauffällige Meisterschaft zeigt sich ebenfalls bei der Auflösung dieser grandiosen Geschichte in unterschiedlich faszinierenden Bildern: Von fast mythischen Szenen nächtlicher Fluss-Überquerungen über kleine Details der handelnden Figuren bis zu meditativ abstrakten Wasseroberflächen. Und dies alles im Fluss der Erzählung, also nie aufgesetzt. Nur dass es am Ende recht rasch versöhnlich wird, könnte bemängelt werden. Aber mit konsequent fortgeführtem Wahnsinn wäre es wohl ein großartiger Trier- und kein großartiger Bier-Film geworden.

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