7.4.15

In meinem Kopf ein Universum

Polen 2013 (Chce Sie Zyc) Regie: Maciej Pieprzyca mit Dawid Ogrodnik, Dorota Kolak, Arkadiusz Jakubik, Helena Sujecka 111 Min. FSK: ab 6

Die Meinungen der Experten über den Gesundheitszustand des kleinen Mateusz (Kamil Tkacz) sind schockierend. Eine Ärztin vergleicht den Jungen mit ihrem Hund und mit Gemüse. Wegen seiner spastischen Bewegungen wird er gleich als geistig behindert abgestempelt. Berührend hingegen, wie liebevoll sich Vater und Mutter um Mateusz kümmern. Den Vorschlag, ihn in ein Heim zu stecken, lehnen sie ab. Es macht richtig Spaß, diese herzlich sympathischen Eltern zu sehen, etwa wenn im Paket aus Deutschland eine Kokosnuss den Vater vor große handwerkliche Probleme stellt. Selbständig robbt Mateusz auf dem Rücken durch die Wohnung und Papa veranstaltet gleich ein Wettrennen in dieser Fortbewegungsart. Auch ohne die manchmal gewählte subjektive Kamera-Perspektive oder die Gedanken des Jungen, die man plötzlich im Off hört, versteht man etwas von der Verzweiflung des im eigenen Körper Eingesperrtseins.

Doch gerade als das Fernsehen das Ende des Kommunismus zeigt, stirbt der Vater und nach einem Zusammenbruch der Mutter schickt Mateusz' Schwester den Spastiker in ein Heim, das dem wachen Geist keine adäquate Betreuung gibt. „Alles ist gut" heißt ausgerechnet dieses Film-Kapitel. Die Betrachtung der anderen Insassen durch Mateusz, seine Bewertung der Brüste der Pflegerinnen erleben wir in schwarz-humorigen Bemerkungen und Zwischenüberschriften. Lange lässt uns dieser bemerkenswerte Film im Ungewissen, ob der in seinem Körper gefangene, sehr gewitzte Verstand jemals Kontakt mit der Außenwelt aufnehmen wird. Denn selbst hier im Schutz der Wohnung, die er so gut wie nie verlässt, interpretiert die Familie als epileptischen Anfall als Mateusz eine von der Mutter gesuchte Brosche unter dem Schrank herausholen will.

Erst im Alter von 26 wird aus ihm „Unser Mateusz", als eine Sprachlehrerin an seinem Blick erkennt, dass da durchaus ein wacher Geist im unkontrolliert zuckenden Körper steckt. Mit einem Blinzeln für Ja und zweifachem Blinzeln für Nein beginnt Mateusz zu sprechen und kann der Mutter sagen, dass er kein Gemüse ist. Mit dem Durchsetzungswillen des Vaters haut er sogar in den entscheidenden Situationen mit der Faust auf den Tisch.

Ein wenig bodenständiger als Julian Schnabels Meisterwerk „Schmetterling und Taucherglocke" oder das thematisch ebenso verwandte „Die Sprache des Herzen" und die Stephen Hawking-Biografie „Die Entdeckung der Unendlichkeit" ist dieser sehr schöne polnische Film gestaltet. Was ihm nicht schadet. Gerade mit der einfachen Herzlichkeit der Figuren und dem dem eindrucksvollen Spiel des Hauptdarstellers überzeugt die optimistische Geschichte.

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