3.3.15

Still Alice

USA, Frankreich 2014 Regie: Richard Glatzer, Wash Westmoreland mit Julianne Moore, Kate Bosworth, Alec Baldwin, Kristen Stewart 101 Min. FSK: ab 0

„Still Alice" präsentiert mit Julianne Moore die aktuelle Oscar-Siegerin - wahrscheinlich nicht nur für diesen emotionalen Film, sondern für alle diese großartigen Leistungen, die sie in Reihe hinlegt. So könnte man auch sagen, die Oscar-Siegerin Julianne Moore präsentiert mit „Still Alice" ihren neuen Film. Wobei die Rolle einer 50-jährigen Intellektuellen, die an einer Alzheimer-Erkrankung geistig verfällt, sicher auch ein perfekter Oscar-Stoff ist.

Alice Howland (Julianne Moore) ist 50-jährige Professorin für Linguistik, eine angesehene Wissenschaftlerin, die kurz in ein paar Szenen zum Familien- und Privat-Leben skizziert wird. Dann fällt ihr immer öfter das richtige Wort nicht ein, beim Joggen weiß sie plötzlich nicht mehr, wo sie ist. Die stolze, eigenständige Frau weigert sich anfangs, die als Sonderform von Alzheimer diagnostizierte Krankheit zu akzeptieren und ihrer Familie davon zu erzählen. Ausgerechnet eine Linguistin, die auf den Erwerb der Sprache spezialisiert hat, verliert ihre Worte. Doch es nicht mehr zu verheimlichen, es folgen Arbeitsunfähigkeit und Rückzug vom sozialen Leben. Mit einiger intellektueller Brillanz analysiert Alice ihre Situation, meint bitter, sie hätte lieber Krebs. Für jemanden, der seine Erinnerungen als wertvollsten Besitz erkennt, soll das Vergessen besonders schlimm sein - will dieser Film vermitteln.

Mit enormen schauspielerischen Vermögen kann Julianne Moore die Gefühle von Alice erschütternd nahe bringen. Die für den Betroffenen und seine Familie bedrückende Krankheit wird zusätzlich dramatisiert, dass ihre seltene Form von Alzheimer erblich ist und ihre Kinder auch ganz persönlich betroffen sind. Doch die Familie und das sonstige Umfeld werden vom Drehbuch vergessen, ihre Befindlichkeiten weitgehend ausgeblendet. Während der mehr mit seiner Arbeit verheiratete Gatte John Howland (Alec Baldwin) Alice nur begrenzt liebevoll unterstützt, bildet nur die jüngste Tochter Lydia (Kristen Stewart) einen Gegenpart, der nicht alles mitmacht, nicht endlich ein Studium aufnimmt, nur weil die schwerkranke Mutter darum bittet. Lydia fragt auch als Einzige nach, wie es sich anfühlt, so krank zu sein.

Unter den vielen Möglichkeiten, sich mit den vielen Schicksalen hinter den Worten Alzheimer und Demenz zu beschäftigen, zwischen dem poetischen Abschied von „Iris" und der platten Schweiger-Weise bei „Honig im Kopf" kann „Still Alice" eine komfortable Version des Schrecklichen vermitteln: Moderne Technik wie ein Smartphone hilft, aber nur so lange wie Alice es noch wiederfindet. Unbeaufsichtigte kleine und große Katastrophen sind seltener, wenn sowieso eine Haushälterin da ist. Wenn Alice im wundervollen Ferienhaus am Strand die Toilette nicht findet, wird hollywood-typisch nicht mal ein nasser Fleck in der Hose gezeigt. So aseptisch und lebensfern die ganze Familie wirkt, kommt der Film auch selbst daher. Überraschenderweise kann ausgerechnet die nicht für ihr lebendiges Spiel berühmte Kristen Stewart als bodenständige Tochter das Abgehobene erden.

Regisseur Richard Glatzer, der selbst an einer Alzheimer-Krankheit leidet, lässt die Verfilmung des gleichnamigen Romans der Neurowissenschaftlerin Lisa Genova nach einigen emotionalen Höhe- oder besser: Tiefpunkten undramatisch in der Stille verschwinden. Den rasanten Verfall zeigt der Film nur noch in wenigen wachen Momenten im Abstand von Monaten. Es wird nun mehr über Alice als mit ihr geredet. Die Selbstmordanleitung als Video, aufgenommen nach einem ein horrenden Besuch in einer Pflegeeinrichtung, kann sie schon nicht mehr ausführen. So bleiben nach einer letzten, sehr bewegenden Rede als Betroffene vor „Fachleuten" dieser Krankheit nur noch die Augenblicke mit den Menschen, die sich vor dem langen Abschied drücken und denen, die ihn begleiten. Sowie die Trauer angesichts des Verschwindens eines geliebten Menschen.

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