17.2.15

Selma

USA, Großbritannien 2014 Regie: Ava DuVernay mit David Oyelowo, Carmen Ejogo, Tom Wilkinson, Giovanni Ribisi, Oprah Winfrey 128 Min.

Unglaublich, aber leider wahr: „Selma" scheint der erste Kinobiografie über Martin Luther King jr. seit Jahrzehnten zu sein. Die Regisseurin Ava DuVernay schildert als Grund die geringe Risikobereitschaft der Studios, auf eine schwarze Hauptfigur zu setzen. So setzt sich in den Problemen, dieses Projekt zu finanzieren, der Kampf von King für gleiche Rechte der Afroamerikaner fort. Ein wichtiger Film also und zugleich ein spannender und historisch erhellender.

Es ist Ko-Produzentin Oprah Winfrey selbst, die in ihrer Rolle als Annie Lee Cooper 1964 im Örtchen Selma beim Versuch, sich für eine Wahl zu registrieren zu lassen, wieder einmal scheitert. Das ist zwar mittlerweile Grundrecht, doch die Schikane eines rassistischen Beamten wird hier im Süden, in Alabama, als eine Art Naturrecht hingenommen. Dabei gilt diese Registrierung der Schlüssel für mehr Gerechtigkeit, weil nur registrierte Wähler in Juries Recht sprechen dürfen und nur sie ihren Sheriff wählen.

So erwählt der Friedensnobelpreisträger und friedliche Bürgerrechtskämpfer Martin Luther King jr. (David Oyelowo) den Ort Selma, um gezielt und koordiniert gegen dieses Unrecht vorzugehen. Die Taktik ist klar: Passiver Widerstand soll den Sheriff, einen berüchtigten Rassisten, provozieren und die Medienberichte dann Präsident Lyndon B. Johnson (Tom Wilkinson) unter Druck setzen. Der gibt sich im Gespräch mit King zwar loyal, hat aber zuerst andere wichtige Themen zu bewältigen. King bereitet seine Mitstreiter darauf vor, dass sie im Gefängnis landen werden, dass sie Geduld haben müssen. Doch schockierend ist das Maß der Gewalt, sind die Polizisten die ohne Skrupel einen Menschen erschießen, ist der Pöbel der einen solidarisierten Journalisten tot knüppelt. Dagegen macht sich wiederum sehr eindrucksvoll ein Marsch von über 500 Einwohnern über den Alabama-River in Richtung der Hauptstadt Montgomery auf.

Unfassbare und selbst im Film schwer erträgliche Gewalt, eine Menschenjagd mit Knüppeln und Schlagstöcken, mit Rassisten am Rand, die anfeuern, und Journalisten, denen die Stimme versagt, wird live ins ganzen Land übertragen. Es ist der erwartete Wendepunkt, doch „Selma" zeigt auch, wie schwer die Opfer auf Kings Gewissen lasten. Dieses „Bio-Pic" ist keine der üblichen Überhöhungen, es zeigt auch den privaten Dr. King, der schon mal den Müll raus bringt und mitten in der Nacht bei der Sängerin Mahalia Jackson anruft, weil er ihren Gospel als Stimme Gottes braucht.

Gleichzeitig ist „Selma" in seiner politischen Analyse hochaktuell: Beginnend mit der Ankunft von Kings Team von der Southern Christian Leadership Conference in Selma wurden alle Schritte des Widerstands vom Geheimdienst protokolliert, was Schlagzeilen auf die Leinwand zeigen. Der neurotische Geheimdienst-Chef und Schwarzen-Hasser J. Edgar Hoover schlägt sogar unverblümt die Ermordung Kings vor oder als Alternative, Kings Frau zu terrorisieren. Es ist ein erschütterndes Stück politische Geschichte, mit einem erschreckend guten Tim Roth als extremer Rassist und Gouverneur. David Oyelowo hätte als Martin Luther King eigentlich für einen Oscar nominiert werden müssen, doch hier zeigt sich wieder, dass Gleichberechtigung noch längst nicht erreicht ist. Immerhin hat Oprah Winfrey als Ko-Produzentin eine Chance beim Besten Film.

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