13.1.14

The Wolf Of Wall Street

USA 2013 Regie: Martin Scorsese mit Leonardo DiCaprio, Jonah Hill, Margot Robbie, Matthew McConaughey 180 Min. FSK: ab 16

Ein feistes Kerlchen mit gierig verzerrtem Gesicht - dieser DiCaprio ist ganz anders als sein großer Gatsby: Sein Zocker-Lehrling Jordan Belfort hat gerade die Lizenz als Börsenmakler an der Wall Street erhalten, als einer dieser Banken-Crashs (diesmal vom Oktober 1987) die Firma ruiniert, die vorher andere ruinierte. Doch ganz unten gründet er die Maklerfirma „Stratton Oakmont" und macht mit eindrucksvollem Verkaufs-Talent und erschreckender Rücksichtlosigkeit ein obszönes Vermögen. Es sind durch die Reihe systemrelevante Arschlöcher, die Jordan Belfort am Anfang in einer Autowerkstatt um sich versammelt. Denn der arbeitslose Zocker entdeckt, dass man mit Penny Stocks, also Billig-Aktien meist völlig wertloser Firmen, gleich fünfzig Prozent Provision kassieren kann. Von nun an werden mittellose Menschen um ihr Erspartes gebracht - „Müll an Müllmänner verkaufen".

Dabei gehören die großen Szene der ersten zwei Stunden seinen Mitspielern: Matthew McConaughey (mit neuer Perücke und dem gleichen Wahnsinn wie in Soderberghs „Magic Mike") kommt als Jordans erster Mentor Mark Hanna ganz nah an die Skurrilität eines Christopher Walken heran, wenn er mehrfach tägliche Selbstbefriedigung verschreibt und im edlen Restaurant ein Indianer-Rap anstimmt. Koks und Prostituierte gehören selbstverständlich zum Grundumsatz. Jetzt wissen wir wenigstens, wie unsere Steuer-Milliarden zum Erhalt der „systemrelevanten" Banker „verpulvert" wurden, die sich einen Wolf koksen.

Auch Jonah Hill („Cyrus", „Superbad") darf als Donnie Azoff, Jordans Geschäfts-Partner fast bis zum Ende, eine großartige Comedy-Nummer hinlegen. Und schließlich kann Margot Robbie („Alles eine Frage der Zeit") als zweite Frau Belfords mehr als nur die übliche weibliche Dekoration geben. Das ist immer noch viel weniger als Sharon Stone in „Casino", aber dieser „Wolf" heult halt auch viel zahmer als damals Robert De Niro.

Unverschämt viel Geld verdient Jordan Belfort. Mit 72.000 Dollar im Monat geht es los, später regt sich sein zwar zu recht „Mad Max" genannte, aber in diesem Umfeld sehr geerdete Vater über 300.000 Dollar-Rechnungen für Prostituierte und Gelage auf. Diese „Master of the Universe" pflegen durchgehend sehr deftige Sitten und eine ebensolche Sprache. Eine neue Strategie des Telefon-Verkaufs wird mit einer nicht jugendfreien Pantomime eingeführt (auch dieses Wort darf man sich derb dargestellt vorstellen).

Da Martin Scorsese diesmal die gleichnamige Autobiografie von Jordan Belfort verfilmt, überrascht es nicht, dass ein faszinierend uncharismatischer FBI-Agent (Kyle Chandler) mit seiner Beharrlichkeit letztendlich siegt. Der aberwitzige Versuch, Millionen über persönliche Kuriere - die osteuropäische Familie einer nicht sehr vertrauenswürdigen Blondine - endet mit einer deftigen Katastrophe: Es bedarf insgesamt des Todes der Strohfrau, des Untergangs einer Riesenjacht samt Helikopter und Jet-Skis sowie des Absturzes eines Rettungsfliegers, um die Hybris von Belfort endlich auf Grund laufen zu lassen. Dass man selbst befreundeten Bankern ebenso wenig trauen kann wie Mafia-Killern, ist ja mittlerweile Allgemeinwissen. Jeder verrät jeden, aber mit dem geklauten Geld ist selbst die Haft nicht so heftig. So erzählt es Belfort selbst, denn er ist auch der Erzähler, der mal mitten im Text die Farbe seines Lamborghini austauscht.

In Abwesenheit der bei Scorsese üblichen, exzessiven Gewaltmomente wird einem klar, welche Wirkung diese Szenen in seinen bisherigen Filmen hatten. Das Leben eines Mittelständlers ähnelt im Verfilmen seiner hochkriminellen Biografie den bekannten Mafia-Berichten und wirkt doch anders, auf den ersten Blick nicht so packend. Unser Protagonist Jordan Belfort ist in vielen Momenten ein charismatischer Emporkömmling, ein grandioser Prediger des Börsen-Parketts. Aber halt kein berüchtigter Massenmörder. Jedoch verläuft die Wirkung des Films so wie die der sagenhaften Pillen Lemmon 714 die Jordan am liebsten einwirft: Erst ist man nicht besonders beeindruckt. Doch irgendwann, nach mehreren Stunden, kickt die Wirkung ein: Man erinnert nicht so sehr einzelne Szenen, sondern immer wieder das Gefühl dieser wahnsinnigen Horde Mittelklässler, dieses „Floors" habgieriger Wölflein in schlecht sitzenden Anzügen, die sich auf ihrem Abzock-Trip wie „Master of the Universe" fühlen. Denn auch ein mäßiger Scorsese ist immer noch ein großer Film. Und im Reigen von Dokus und Spielfilmen wie „Margin Call", von Theaterstücken wie Veiels „Das Himbeerreich" eines der deutlichsten Statements gegen den Wahnwitz der Investment-Banker, der uns alle Milliarden kostet.

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