16.1.12

Once upon a time in Anatolia

Türkei, 2011 (Bir Zamanlar Anadolu'da) Regie: Nuri Bilge Ceylan mit Muhammet Uzuner, Yilmaz Erdogan, Taner Birsel, Ahmet Mümtaz Taylan 157 Min.

Aus der Tiefe einer trockenen, hügeligen Landschaft nähern sich in der Abenddämmerung die Lichter von Autos. Drinnen bespricht man Qualitäten des Büffel-Joghurts, eine lästige Prostata zwingt die Männer zu einigen Pausen. Der Staatsanwalt "Clark" (Gable) Nusret und Doktor Cemal bestimmen das Gespräch, der Fahrer in Polizeidiensten erkundigt sich nach einem Medikament für seine Frau, im Fond eingequetscht döst ein dürrer Mann. Dabei geht es um ihn, den geständigen Mörder, der die Kolonne zur Leiche führen soll. Doch in der hereinbrechenden Nacht sieht ein Brunnen aus wie der andere. Scheinwerfer tauchen Felder und Steppen in ein unwirkliches Licht. Mit viel, aber nicht endloser Geduld fährt man weiter, ein Gewitter zieht auf, zwei Ortskundige streiten über den Weg.

Auf dieser seltsamen Suche kommentiert Doktor Cemal, der später die Leiche untersuchen soll, als geschätzte moralische Instanz das Geschehen und philosophiert. Seine Gedanken beschäftigen sich wie schon Ceylans erster Erfolg „Uzak" (Großer Preis der Jury Cannes 2003), mit Tradition und Moderne. Die nur oberflächlich unergiebige Odyssee legt ihre Perlen beiläufig aus. Ein Blitz beleuchtet antike Statuen, die Szenerie still beobachtend. Eine Orange rollt in ein kleines Tal, ein merkwürdiges Symbol im düsteren Umfeld des Todes.

In seiner scheinbar nur einfach „epischen" Länge ist „Once upon a time in Anatolia" durchaus raffiniert strukturiert: Das „Warten auf Godot", die fast absurde Suche nach einer Leiche, wird von einer Übernachtung auf einem Hof unterbrochen. Lokalpolitik und die tragische Geschichte einer Frau korrespondieren mit der betörend schönen Tochter des Dorfvorstandes. Die erfolgreiche Fortsetzung der Suche am Morgen bekommt nach einer komischen Episode um die Leiche, die nicht in den Kofferraum passt, im Finale, fast im Epilog, die psychologischen Abgründe einiger Beteiligten nachgereicht. Ein paar - wiederum bewusst beiläufige und musikalisch unbetonte - Szenen sowie eine Leichenschau bringen das - immer noch gemächliche - Handeln in einen schwindelnden Zwiespalt zwischen Recht und Moral. Am Ende ergibt sich eine moralische Volte, die den ganzen Film von den letzten Bildern her im Kopf noch einmal wendet.

Ceylans erstaunlicher Film verlangsamt auf den Rhythmus des Lebens, so dass man in diesem Kammerspiel-Road-Movie fast den einzelnen Herzschlag spürt. Eine intensive Stimmung gräbt sich tief in den Zuschauer ein, vielschichtig und nachhaltig wie das Werk selbst, das 2011 in Cannes ex-aequo mit „Le gamin au vélo" den Grand-Prix erhielt.

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