17.1.12

J. Edgar

USA 2011 (J. Edgar) Regie: Clint Eastwood mit Leonardo DiCaprio, Naomi Watts, Armie Hammer 137 Min. FSK ab 12

Dieser Mensch war so unglaublich, dass es eigentlich schon zig Filme über ihn geben müsste: John Edgar Hoover (1895 - 1972) gründete das Federal Bureau of Investigation (FBI) und war 37 Jahre lang, bis zu seinem Tod, dessen Direktor. Dank den immer neuesten Geheimdiensttechniken hatte er Geheimnisse von allen wichtigen Politikern - und deren Frauen - in der Schublade und verheimlichte gleichzeitig seine Homosexualität erfolgreich. Fast-Politiker Clint Eastwood lässt Leonardo DiCaprio eindrucksvoll die Tragik dieses von Kommunisten-Hass und Selbstverleugnung verhinderten Lebens verkörpern. Obwohl nirgendwo ein Computer zu sehen ist, schreit diese Biographie des Gründers von Überwachungsstaat und Geheimdienst-Schnüffelei in jeder Faser „Facebook", „Vorratsdatenspeicherung" und „Staatstrojaner".

Der Film lässt direkt eine Bombe los: Bei einem Attentat in Washington kommt der junge Mitarbeiter des Justizministeriums John Edgar Hoover noch mit Fahrrad zum Tatort. Kriminalistisch seiner Zeit - wir befinden uns am Ende der Zehner Jahre - weit voraus, sammelt er die Flugblätter der Attentäter ein und wird erst später die Methoden vorantreiben, die zur Erkennung der Druckpresse und zu einer brutalen Verhaftung führen werden. So erzählt es jedenfalls der eigene Rückblick eines alten J. Edgar Hoover, der noch im Amt seinen glorreichen Werdegang jungen Untergebenen in die Schreibmaschine diktiert. Erst ganz am Ende des Films enthüllt die Person, die Hoover am nahesten stand, wie sehr dies alles auch bewusste oder unbewusste Erfindung ist. Ob wiederum die Geschichte des Drehbuchs von Dustin Lance Black „wahr" ist, wird vor allem in Bezug auf die Homosexualität von Hoover heftig diskutiert werden. Doch als Film-Biographie funktioniert sie vortrefflich.

Der steife, sozial unbeholfene junge Mann, der bis zu deren Tod mit seiner Mutter (Judi Dench als „M"utter aller Geheimdienste) zusammenleben wird, schürt und nutzt am Anfang seiner Karriere eine verbreitete Hetzjagd auf Kommunisten, um die Rolle seines Leben zu schaffen. Auf Kosten hunderter Menschen, die deportiert wurden, erhält er sein FBI und den Posten als erster Direktor. Privat scheitert sein erstes, unbeholfenes Date, weil seine Vorstellung von Romantik der von ihm angelegte Index der Nationalbibliothek ist. Zwar kann die Kollegin Helen Gandy (erstaunlich: Naomi Watts) nichts mit diesem Muttersöhnchen anfangen, doch inmitten der Grundlage für spätere Rasterfahndung nimmt sie den Job als seine Sekretärin an. Es wird eine lebenslängliche Bindung sein, so wie Hoover auch im neu zu formenden Stab des FBI den eleganten und äußerst charmanten Clyde Tolson (Armie Hammer) zu seiner rechten Hand macht. Man könnte sagen: Liebe auf den ersten Blick. Das Paar wird jeden Tag zusammen essen, doch Kern der herzzerreißenden Tragik dieses verqueren Liebesfilms ist, dass Hoover seine „Geliebten" nahe bei sich hielt, derweil er sie nie an sich ranließ. Die Liebe zu Tolson blieb unerfüllt bis auf einen einzigen, viel zu späten Kuss - auf die Stirn!

Derweil stürzte sich der FBI-Chef auf die Lieben und Leidenschaften „seiner" Politiker: Die Affären John F. Kennedys sind auf Tonband festgehalten. Dessen Bruder, der Justizminister Robert Kennedy, ist ob dieser Erpressung in der Hand seines Untergebenen Hoover. Auch die Frau von Präsident Roosevelt war auf Abwegen, die Position des FBI wird immer stärker. Nur seine Rolle in der Entführung des Lindbergh-Babys fordert das Äußerste an medialer Öffentlichkeitsarbeit vom selbstherrlichen Verteidiger der Freiheit. Nun muss er persönlich Verhaftungen der großen Gangster-Bosse der Zeit vorweisen.

Beim Vornamen nennt „J. Edgar" seinen tragischen Helden und Clint Eastwood macht ein sehr persönliches Porträt aus dem Drehbuch von Dustin Lance Black. Das Spiel von DiCaprio ergreift als linkischer junger Mann und selbst hinter dicker Altersmaske. Doch der einstige Bürgermeister Eastwood, der als Gouverneur für Kalifornien locker jeden Gegner weggefegt hätte, erzählt auch in jeder Faser politisch. Wenn Hoover einen Zustand der Angst schafft, ist das ein rückwärtiges Echo der Angst-Politik von Bush und Co., die Demokratie am Besten in der Hand starker Führer aufgehoben sehen. So gelingt unter den zurückhaltenden Pianoklängen von Eastwood selbst ein emotionaler und gleichzeitig politischer Film, der zum tragischen Ende hin immer bewegender wird.

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