4.1.12

Chinese zum Mitnehmen

Argentinien, Spanien 2011 (Un cuento chino) Regie: Sebastián Borensztein mit Ricardo Darín, Ignacio Huang, Muriel Santa Ana 93 Min. FSK ab 12

Zwei völlig unterschiedliche Männer raufen sich zusammen und heraus kommt eine umwerfende Komödie, pointiert ohne viel drumrum. Pedant, Menschenfeind, Griesgram, Einzelgänger... Das beschreibt auf die Schnelle den Eisenwarenhändler Roberto (Ricardo Darín) aus Buenos Aires. Grimmig begrüßt er die Kunden und wirklich böse wird er, wenn bei einer Lieferung mal wieder nicht die angeblichen 300 Schrauben im Paket sind. Selbstverständlich fehlen immer welche. Ansonsten geht bei ihm pünktlich um 23 Uhr das Licht aus und sonntags sitzt er im Campingstuhl am Flughafen. Dort erlebt er eines Tages, wie ein junger Chinese (Ignacio Huang) ruppig aus einem Taxi gestoßen wird. Der hilflose Mann wendet sich an Robert, der sich vorher vorsichtshalber mal abgewendet hatte. Doch wie Robert verstehen auch wir kein Wort. Irgendwie bekommen die beiden heraus, dass eine Adresse auf dem Arm des Fremden namens Jun zu suchen ist, doch dort verkaufte ein anderer Chinese sein Geschäft schon vor Jahren. Als sich Jun im alten Fiat-Nachbau von Roberto übergibt, reicht es mit der Hilfsbereitschaft. Der Eisenwarenhändler schmeißt ihn raus. Um ihn in der folgenden Regennacht wieder einzusammeln und mit nach Hause zu nehmen.

Eigentlich ist Roberto also doch nicht so ein Menschenfeind. Sonst würde sich auch nicht die kluge und sehr herzliche Marí (Muriel Santa Ana) so für ihn interessieren. Wie er allerdings sein Missfallen ausdrückt, wenn der ungeplante Besucher den exakten Tagesablauf durcheinander bringt, ist herrlich. Nur wenn ein besonders nerviger Kunde den mürrischen Verkäufer so richtig zum Explodieren bringt, ist das Minenspiel von Ricardo Darín ein noch größeres Vergnügen. Dann baut Roberto den verhassten Störenfried auch gerne mal in einen seiner makabren und skurillen Tagträume ein, zu denen ihn Vermischte Meldungen aus der Zeitung inspirieren, die er fein säuberlich ausschneidet und sammelt. All diese Zeitungsschnipsel belegen seiner Meinung nach, dass das Leben eine große Absurdität ist. Die größte davon sitzt vielleicht vor ihm. Denn Jun, dessen Onkel immer noch nicht gefunden ist, erweist sich als tragischer Held einer dieser kurzen Geschichten: Gerade als er seiner Verlobten romantisch mitten auf einem See einen Heiratsantrag machen will, fällt eine Kuh vom Himmel und erschlägt die Frau im Kahn. (Vorher sind moderne Viehräuber mit ihrem Flugzeug aufgescheucht worden und verloren ihre Beute beim Flucht-Flug.) Das alles erfahren wir spät durch die freundliche Übersetzung eines Fahrers vom chinesischen Schnellimbiss. Also selbst der Filmtitel ist mal gut übertragen.

Sebastián Borenszteins gelungene Komödie verläuft gezwungenermaßen recht wortkarg, doch vor allem das Spiel von Ricardo Darín, den man schon aus dem argentinischen Erfolgsfilm „In ihren Augen" (El Secreto De Sus Ojos) kennt, trägt viel zum Gelingen bei. Zu seiner grandiosen Mimik gesellt sich auch mal etwas trockener Slapstick, doch im Gegensatz zu den Schrauben-Verpackungen ist hier alles im exakt richtigen Maß.

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