12.12.11

Let me in

Großbritannien,USA 2010 (Let Me In) Regie: Matt Reeves mit Chloë Moretz, Kodi Smit-McPhee, Richard Jenkins 116 Min. FSK ab 16

„Wenn ihr uns beißt, bluten wir nicht?" Dieser bekannte Satz aus Shakespeares „Der Vampir von Venedig" kommt einem in den Sinn, wenn man nach all dem blutarmen „Twilight"-Gedöns so einen exzellenten, spannenden Kindervampir-Film sieht. Wohlgemerkt: Nicht Kinder-Vampirfilm! Die beiden Protagonisten, blasse Außenseiter aus unterschiedlichen Gründen, sind zwar erst 12 Jahre alt, doch die drastische Darstellung auch von Jugendgewalt eignet sich mit sinnvoller Freigabe frühestens ab 16. Matt Reeves' eigenständiges Remake des schwedischen Films „So finster die Nacht" - basierend auf einem Roman von John Ajvide Lindqvist („Menschenhafen") - erweist sich als Glücksfall in Sachen Film und als selten gelungene Bearbeitung.

Über das Fenster zum Hof beobachtet der zurückgezogene, ängstliche Owen (Kodi Smit-McPhee aus „The Road") seine sexy Nachbarin. Doch wirklich aufregend findet er das Mädchen, das nebenan einzieht: Trotz des Schnees läuft sie barfuß über den Innenhof. Dort werden sich die Gleichaltrigen öfter treffen, obwohl Abby (Chloë Moretz) direkt meint, sie könne nicht seine Freundin werden. Später wird sie dem Jungen, der von Mitschülern brutal misshandelt wird, wichtige Tipps geben. Er leiht ihr seinen Zauberwürfel „Rubik's Cube", von dem sie so fasziniert ist.

Nicht nur der Cube, auch Walk- und Pacman, sowie bekannte Hits und das stimmige Retrodesign machen klar, dass wir uns im winterlichen Los Alamos der Achtziger befinden. In einer Rückblende erlebten wir, wie sich der erwachsene Begleiter Abbys mit horrenden Verätzungen aus dem Krankenhausfenster stürzte. Das mysteriöse Ereignis klärt sich vollständig erst später auf, da sind wir schon völlig gefangen in der ungewöhnlichen Freundschaft zwischen Owen und Abby. Sie betont immer „Ich bin kein Mädchen". Was sich hinter dem ängstlichen, Hilfe geradezu erflehenden Gesicht verbirgt, haben wir schon kurz gesehen. Als ihr alter Helfer zu müde zum Blutbeschaffen wird, muss das Vampirmädchen selber jagen und beides ist nicht schön. Wer vom Twilight-Kitsch kommt, erlebt dass es nicht nett oder romantisch ist, Menschen leer zu saugen. In der faszinierenden Inszenierung vom Cloverfield-Regisseur Matt Reeves wandelt sich die - mehr oder weniger - Zwölfjährige Abby zum Tier mit eckigen Bewegungen, die an Japan-Horror erinnern. Dies ist mal kein Vampirfilm mit der Süßlichkeit von Lillifee!

Spannung wie bei Hitchcock. Das kalte, blaue Licht aus „Cloverfield". Immer wieder sagenhafte, atemberaubende Szenen. „Let me in" lässt das schwedische Original „So finster die Nacht" mit eigenständigen Varianten glatt vergessen - und auch das war schon ein hervorragender Film. Die Geschichte einer ungleichen Freundschaft gibt nicht nur der Nachtigall-Frage von „Romeo und Julia" eine ganz andere Bedeutung. (Wenn es tagt, droht der Vampir zu entflammen!) Exzellent fotografiert, sehr zurückhaltend in der Musik (Michael Giacchino) und von den jungen Darstellern glaubhaft gespielt, ist das Remake wesentlich drastischer in der Gewalt-Darstellung. Nebenbei hat Richard Jenkins einen großen, tragischen Auftritt als Abbys Helfer mit Blutfleck (sic!) und zerbrochenem Brillenglas im Gesicht. Eine TV-Rede von Reagan, die schwarz-weiß und extrem raffiniert in die Handlung reingespiegelt wird, gibt dem Ganzen auch noch eine politische Dimension. Kann Böses in Gutes gewandelt werden und geschieht dies nur auf religiösem Wege? Auf jeden Fall kann ein guter Film zu einem noch besseren werden...

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