6.12.11

Habemus Papam - Ein Papst büxt aus

Italien, Frankreich 2011 (Habemus Papam) Regie: Nanni Moretti mit Michel Piccoli, Jerzy Stuhr, Ulrich von Dobschütz, Nanni Moretti, Margherita Buy 104 Min. FSK o.A.

Wer Nanni Moretti, den Regisseur von „Der Italiener" (2006), „Das Zimmer meines Sohnes" (2001), „Aprile" (1998) und „Liebes Tagebuch..." (1993) kennt und mag, erwartet beim Thema Papst bitterböse Satire. Doch vielleicht ist Moretti zu sehr Italiener, vielleicht wollte er nicht wieder Erwartungen bedienen. Sein „Habemus Papam" fiel in Sachen aufgeklärter Kritik an der prähistorischen Institution Papst geradezu niedlich aus. Aber es ist trotzdem ein guter Film, nämlich im persönlichen Kampf des von Michel Piccoli gespielten Kandidaten um seinen Platz in der Welt.

Fast wie eine Dokumentation werden der Tod des Papstes und der Einzug der Kardinäle ins Konklave dargeboten. Die Berichterstattung übereifriger Society-Journalisten vom Roten Teppich wie bei den Oscars irritiert zwar etwas, doch dies deutet nur die seltsamen Einblicke an, die uns Moretti in die Welt der Konklave erlaubt. Wir dürfen beispielsweise bei den Wahlgängen in die Köpfe der Kirchenmänner horchen - keiner will es werden und bei allen bis auf einem hilft das Beten tatsächlich. Der französische Kardinal Melville (Michel Piccoli), ein stiller, freundlicher Herr wird es und ist völlig geschockt. Wie in Trance lässt er sich ins Ornat hüllen, doch zur Rede an das jubelnde Volk auf dem Balkon reicht es nicht mehr. Ein verzweifelter Schrei lässt die Stadt und das Erdenrund erstarren. Melville weiß nicht, ob er dieser Aufgabe gewachsen ist. Nun holt der umtriebige Pressesprecher (Jerzy Stuhr) Nanni Moretti als Psychologen ran, der den stellvertretenden Patienten sehr vertraulich unter den Augen aller immer noch im Konklave eingesperrten pinken Priester behandeln soll.

Zwar interpretiert der Atheist ihnen gewitzt die Bibel und Zeichen einer Depression. Doch Seele und Unbewusstes erweisen sich hartnäckig als unvereinbare Konzepte, der Papst nutzt einen Ausflug ausgerechnet zur geschiedenen Gattin und Kollegin des Psychologen zur Flucht und Nanni Moretti organisiert als Gefangener des Vatikans das Freizeitprogramm der Geistlichen. Samt Volleyball-WM für Kardinäle! Während die Scherzchen im Konklave, das Menscheln der von der Flucht ahnungslosen Soutanen-Träger zum niedlich netten Charakter des Films beitragen, spielt sich in den Gassen Roms ein wahres Charakterdrama ab. Tief verzweifelt trifft Melville auf eine wilde Theatertruppe, die Tschechows „Die Möwe" inszeniert, und findet in einer irren Wendung zu seinem Jugendtraum, dem Theaterspiel zurück. Doch während Melville auf der Bühne sein Glück findet, kommt der Klerus auf seine Spur...

Der hochintelligente linke Kritiker und Komödiant Nanni Moretti scheint auf den ersten Blick zahm geworden. Doch die Geschichte eines Menschen, der nicht weiß, welche Rolle er spielen soll, ist ungeheuer universal und darin vielleicht wichtiger als leicht gefundene Religionskritik. Michel Piccoli spielt großartig im Komischen und Verzweifelten, ist glaubhaft verzagt und schwach. Dafür dass Moretti seine Clownereien derweil im Vatikan einsperrt, darf man ihm zusätzlich dankbar sein.

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