11.11.11

Rembrandt gespiegelt

Spieglein, Spieglein an der Wand,
wer ist der schönste Stich bei Rembrandt?

Spekulieren über die richtige Richtung bei unerkannt bleibenden Spekulatius

„Rembrandt gespiegelt" im Suermondt-Ludwig-Museum Aachen (12.11.2012 - 5.2.2012)

Das Kunstwerk im Zeitalter seiner einfachen Reproduzierbarkeit führt zu einer Ausstellung, in der man doppelt sieht: Um die Verdrehtheit einer Situation deutlich zu machen, bei der ein Künstler für Radierungen seitenverkehrt denkt - oder auch nicht - wurden Radierungen von Rembrandt (1606-1669) neben ihre seitenverkehrten Fotografien gehängt. Eine simple Versuchsanordnung mit verblüffendem Effekt, ein Augenspiel (Museumsdirektor und Rembrandts Landsmann Peter van den Brink), eine „Schule des Sehens" (Kurator Dr. Heinrich Becker): Welche Version sieht besser, überzeugender aus? Meist scheint es eindeutig, wobei eine kulturübergreifende Empfindung sehr deutlich wird. Die dunklen Wolken links von der Baumgruppe wirken bedrohlich. Rechts angeordnet, scheint das Gewitter vorüber gezogen. Wir schauen von links nach rechts, in diese Richtung geht es voran, die andere ist Vergangenheit. Links und rechts hat Bedeutung als gute oder schlechte Seite. Auch hier zeigt sich bei Rembrandt eine irritierende Auffälligkeit, in einem Kreuzigungsbild sind diese Bedeutungen vertauscht, in einer anderen Radierung sind Jesus und andere linkshändig oder bei einer Stadtansicht wurde die Reihenfolge der Kirchen verkehrt!

Diese schizophrene Sichtweise ist gerade bei Rembrandt reizvoll, da er die meisten Radierungen als Originale eigenhändig angefertigt hat, im Gegensatz zu etwa Rubens, der Radierungen seiner Gemälde von Lehrlingen anfertigen ließ, um sie als günstigere Kopie zu verkaufen. Ein Jahr lang beschäftigte sich Rembrandt sogar nur mit Radierungen, auch als er nach der „Nachtwache" keine Aufträge für Porträts mehr bekam, brauchten die Stiche Geld ein. Und fast immer hat Rembrandt selbst auf der Platte gearbeitet, dabei im seitenverkehrten Denken originäre Werke erstellt, also nicht andere Zeichnungen umgesetzt. So hilft das Doppeltsehen beim Verstehen, wie der Künstler gedacht hat.

Ein verwirrender Prozess, dessen Entwirren auch nicht ohne ist, wie Kurator Dr. Heinrich Becker bei seiner Vor-Führung für die Presse verdeutlicht. Das Foto ist zwar immer rechts, aber ist die Kopie der Kopie jetzt auch richtig? Kommt die Prozession von links oder rechts ins Bild? Weist die Hand in die Vergangenheit oder voraus? Noch eine Spiegel-Windung im Hirn mehr verursacht das Selbstporträt. An sich schon eine Spiegelung des Malers und jetzt noch mal verdreht? Oder jetzt wieder richtig? All dies erläutert auch der gelungene Katalog zur Ausstellung mit seinen kommentierten Abbildungen. Nur eines wurde von den begeisterten Fachleuten völlig übersehen: Die Spekulatius auf dem Tisch als Radierungen in Holz, abgedruckt in Zucker sind derart artverwandt mit den „Prenten" (Drucke auf Niederländisch, lieber Aachener, der auch hier wieder Süßwaren hört) an der Wand, das sie sich als weitere Irritation ins Gesamtbild schleichen.

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