14.11.11

Halt auf freier Strecke

BRD 2011 Regie: Andreas Dresen mit Steffi Kühnert, Milan Peschel, Talisa Lilli Lemke, Mika Nilson Seidel, Ursula Werner 110 Min. FSK ab 6

Film ist, dem Tod bei der Arbeit zuschauen

Vor weniger Wochen zeigte Gus van Sants „Restless" eine poetische, zarte Annäherung an das Sterben. Im Vergleich zu „Halt auf freier Strecke" von Andreas Dresen wird daraus allerdings eine schöne Lüge, die US-Version von Schöner Sterben. Denn Dresen, der Regisseur von „Wolke 9", „Sommer vorm Balkon" oder „Halbe Treppe" wirft einen nüchternen Blick auf ein baldiges, wirklich nicht schönes Sterben. Auch diesmal lässt ein Hirntumor nur noch ein paar Monate Leben. Das Ehepaar Lange erfährt es von einem eher uninteressierten Arzt, der sogar zwischendurch telefoniert. Die Kamera hingegen bleibt konzentriert dabei und fängt die Tränen von Simone (Steffi Kühnert) auf. Was sagt man den Kindern? "Wie es ist. Es ist sozusagen das Schicksal", antwortet die psychologische Niete im Kittel. Wie sagt es Andreas Dresen, lautet die zusätzliche Frage. Zu allererst ist es gut, dass Dresen Sterben zeigt. Um noch einen der vielen gewöhnlich wirkenden, aber doch sehr gewichtigen Sätze zu zitieren: Frank (Milan Peschel) solle, auch wenn seine Aus- und Anfälle es allen schwer machen, zu Hause bleiben, damit die Kinder sähen, dass Sterben nichts Schreckliches ist und damit sie nicht ihr Leben lang Angst vor dem Tod hätten. Damit trifft der Film einen wunden Punkt unserer Gesellschaft und auch des Unterhaltungskinos. Es wird zahlreich gestorben, aber man sieht nie, was Sterben bedeutet.

Nach „Restless" und dem schwedischen Meisterwerk „Eine Familie" bekommt der Hirntumor wieder eine Hauptrolle, tritt sogar personifiziert bei Harald Schmidt auf! Abgesehen von dieser schrägen Idee und einigen iPhone-Spielereien führt Dresen den Niedergang eines Menschen und einer Familie nüchtern vor und lässt nichts dabei aus. Nicht die Übelkeit bei der Chemotherapie, nicht das verwirrte Pinkeln im Zimmer der Tochter, nicht peinliche Therapeuten mit albernen Sprüchen. Aber auch nicht die hervorragende Ärztin der letzten Tage. (Alle Mediziner und Helfer werden übrigens von echten Medizinern und Helfern gespielt!) Franks Frau und die beiden Kinder versuchen wie der Film einige Situation noch mit Humor zu nehmen, das gelingt immer weniger. Beim Weihnachtsessen im neuen, stark von Ikea verstrahlten Eigenheim lässt man ihn doch lieber oben im Bett liegen. Da hat er wenigstens noch eine schöne Aussicht. Irgendwann fragt auch der Sohn: „Ist es wahr dass du stirbst? Krieg ich dann dein iPhone?" Vielleicht bitter, aber auch banal, denn das Leben geht weiter. So lautet nach diesem sicher nicht „schönen", aber guten und wichtigen Film der ganz prosaische Schluss-Satz der Tochter „Ich muss zum Training."

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