6.11.11

Cheyenne - This must be the Place

Frankreich, Italien 2011 (This must be the Place) Regie: Paolo Sorrentino mit Sean Penn, Francis McDormand, Judd Hirsch, Eve Hewson, Harry Dean Stanton 118 Min.

„Cheyenne - This Must Be The Place" von Paolo Sorrentino („Il Divo") begeistert mit einem grotesk geschminkten Sean Penn: Seine Figur Cheyenne, ein ehemaliger Rockstar aus Dublin, setzt nach dem Tod des jüdischen Vaters in den USA dessen Suche nach einem deutschen KZ-Wärter fort. Diese Selbstfindung wird von kuriosen Begegnungen und schrägen Blicken auf Amerika bebildert. Ein Augenschmaus der anderen Art, dessen Figuren für emotionalen und intellektuellen Tiefgang sorgen.

Wer Sean Penn mag, kann ihn beim Cannes-Film als „Cheyenne" volle Kanne genießen: Penn gibt die ungemein originell jämmerliche Gestalt des ehemaligen, nicht besonders würdevoll gealterten Rockstars Cheyenne. Mick Jagger habe einst mit ihm gesungen - nicht umgekehrt, wie Cheyenne betont. Ihn als lebende Legende zu beschreiben, wäre übertrieben, weil der von zu vielen Drogen sichtlich Mitgenommene vom Reichtum erdrückt in einem überstilisierten Mausoleum dahinschlurft.

Mausoleum nannte es seine freche Gattin Jane, eine sehr witzige, trotz Drehleiter-Einsatz geerdete Feuerwehrfrau, die mit Frances McDormand perfekt besetzt ist. Seine blasse Goth-Schminke legt der Alt-Rocker immer noch auf und sieht dann aus wie eine schlecht konservierte Kopie des Cure-Frontmannes Robert Smith. Ansonsten schaut er unendlich einsam, grundverstört und sehr, sehr hilflos in die Welt. Diesen Blick kann man sich von niemand anderes als von Sean Penn vorstellen. Der verständliche Grund der Traurigkeit klingt bitter: „Ich habe depressive Lieder für depressive Kinder gemacht und zwei von denen haben sich umgebracht. Mein Schmerz darüber wird trotz der Besuche am Grab nicht geringer."

Die Lösung kommt unerwartet mit der Nachricht vom baldigen Tod seines Vaters in New York. Trotz 30 Jahren Trennung und Angst vor dem Fliegen macht sich Cheyenne auf den Weg. Verloren nimmt er an den Trauerritualen seiner entfernten jüdischen Familie teil und erfährt sehr überrascht, dass sein Vater ein Leben lang den deutschen KZ-Wärter Alois Lange (Heinz Lieven) suchte, der ihm eine tiefe Verletzung zugefügt hatte. Zwar völlig ahnungslos aber spontan entschlossen, setzt Cheyenne diese Suche mit launiger Unterstützung des professionellen Nazi-Jägers Mordecai Midler (Judd Hirsch) fort und tapst wie (Lou Reeds) „Passenger" durch ein skurriles bis absurdes Amerika. Hier findet Sorrentinos scharf sarkastischer Blick, den er schon auf einen faszinierend abstoßenden Kredithai („L'amico di famiglia", 2006) und auf die italienische Regierungskaste („Il Divo", 2008) warf, zahlreiche dankenswerte Objekte. Dabei ist „Cheyenne", die erste englischsprachige Produktion des Neapolitaners, milder und menschlicher. Im Staunen über diese seltsame Welt versteht man den verstörten Blick des Protagonisten immer mehr, identifiziert sich mit dieser nur anfangs lächerlich wirkenden Gestalt.

Sorrentino, der in „Le conseguenze dell'amore" (2004) einen sehr emotionalen Auftragskiller zeigte, fesselt einerseits wieder mit schön ambivalenten Figuren. Diese platziert er dann in Schaukästen skurriler Lebensweisen, die wie beispielsweise der Gegensatz zwischen dem ultramodernen Ufo des Dubliner Fußballstadions und den umgebenden kleinen Einfamilien-Reihenhäusern oft einer aufmerksamen Beobachtung real krasser (Bild-) Verhältnisse entspringen. Das äußerlich Absurde trägt jedoch immer eine innere Sinnigkeit in sich - das gilt auch für Cheyenne. Ein heiliger Narr, der nicht lügen kann und mit seinen immer ehrlichen, im weinerlichen Zeitlupen-Ton vorgetragenen Bemerkungen verstört oder amüsiert. Je nach eigener Geisteshaltung.

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