6.7.11

Kleine wahre Lügen

Frankreich 2010 (Les Petits Mouchoirs) Regie: Guillaume Canet mit François Cluzet, Marion Cotillard, Benoît Magimel, Gilles Lellouche 154 Min.

„Freunde", das ist nicht erst seit Facebook ein dehnbarer Begriffe. Um die Welt zwischen „sich verlassen" und „verlassen werden" spannt der bekannte Schauspieler Guillaume Canet als Regisseur in seiner dritten Regie nach „Kein Sterbenswort" (2006) und „Bad, Bad Things" (2002) einen schönen Bogen sommerlicher und komischer Szenen mit anrührendem Tiefgang.

Ludo (Jean Dujardin) wird nach einer heftigen Party auf einer Kreuzung in Paris voll vom Laster erwischt. Dieser schockende Auftakt mit einem verunstalteten Freund auf der Intensivstation wird auch den Urlaub der Gruppe seiner Freunde beeinflussen. Wieder hat der betont großzügige Restaurantbesitzer Max (François Cluzet) ans Cap Ferret geladen. Nach kurzem Überlegen - man könne ja doch nichts für Ludo tun - zieht man die Reisepläne durch.

Doch der Urlaub in traumhafter Dünenlandschaft zeitigt immer wieder Probleme und Reibungen. Ausgerechnet der gönnerhafte Max regt sich an einem wunderbaren Tag in schönster Umgebung über nicht gemähten Rasen auf und nutzt auch die Marder unterm Dach als Auslöser für albern angespanntes Verhalten. Liegt es daran, dass der unglücklich verheiratete und vielleicht schwule Physiotherapeut Vincent (Benoît Magimel) dem gestressten Restaurantchef vorher ein heikles Geständnis machte? In einem der vielen komischen Momente strandet Max bei Ebbe ausgerechnet mit Vincent, den er bislang krampfhaft mied. Sechs Stunden verbringen sie zusammen alleine auf dem Boot, wobei Max beim Versuch abzuhauen, noch seine Hose im Wasser verliert.

Auch noch in die Kategorie Spaß gehören die Verzweiflung vom sich cool gebenden Éric (Gilles Lellouche) und dem nervigen Antoine (Laurent Lafitte) sowie ihre Unfähigkeit, eine Trennung zu akzeptieren. Die dauernd reisende Ethnologin Marie (Marion Cotillard), die mit ihren wechselnden Männer- und Frauen-Nächten viele Herzen gebrochen hat, muss ihrerseits erst einmal eine Verbindung akzeptieren. Kurz - alle Freunde könnten etwas Veränderung gebrauchen. Sie sind hedonistische Menschen, die Partnerschaft locker betrachten und auch offen darüber reden. Dabei gehen sie sehr herzlich und körperlich miteinander um. Berührend ist der uneingeschränkte Zusammenhalt einer Gruppe, bei der jeder ziemlich viel Blödsinn anstellt. Aber auch erschreckend, dass sie meinen, ja doch nichts für Ludo tun zu können und einen Monat lang ans Meer fahren.

Aus kleinen Liebesdramen, albernen und sehr menschlichen Geschichten entwickelt Autor und Regisseur Guillaume Canet ein Panorama des Lebens, das zu sehr mit der eigenen kleinen Welt beschäftigt ist, um sich um einen schwerkranken Freund zu kümmern. Im Reisegepäck der Freunde sind lauter Lügen, wie ihnen ein unbestechlicher lokaler Seemann vorhält. „Kleine wahre Lügen" lässt sich Zeit für den leichten Spaß, ein paar Geständnisse und sehr emotionale Momente. Ein großer Film voller Leben und guter Gedanken über das, was wirklich wichtig ist, ähnlich wie „Wer mich liebt, nimmt den Zug" von Patrice Chéreau (1998).

Die „Lügen" begeistern mit einem enorm eindrucksvollen Ensemble, berührend schönen Songs, hervorragend in Szene gesetzt und von der Kamera Christophe Offensteins eingefangen. Allein das Wiedersehen mit Marion Cotillard („Inception", „La vie en rose", „Mathilde - Eine große Liebe") lohnt. Guillaume Canet ist vor allem als Schauspieler bekannt, er stand bei „Zusammen ist man weniger allein" (2007), „Merry Christmas" (2005) oder „The Beach" (1999) in der ersten Reihe.