20.4.10

Vorsicht Sehnsucht


Frankreich, Italien 2009 (Les Herbes Folles) Regie: Alain Resnais mit Sabine Azéma, André Dussollier, Anne Consigny 103 Min. FSK ab 12

Wäre der Regisseur von „Vorsicht Sehnsucht“ ein Filmstudent oder ein Debütant der Filmszene, man sollte ihn beglückwünschen zum Mut, solch eine herrlich verrückte, verspielt und versponnene Geschichte abzuliefern. Und wenn der Regisseur eine gerade noch 85-jährige Legende der europäischen Filmgeschichte ist? Einer, der sowohl 1955 mit „Schatten und Nebel“ eine bis heute noch tief erschütternde Dokumentation über die Schrecken der Konzentrationslager gedreht hat. Und dann 1960 mit „Letztes Jahr in Marienbad“ der Filmgeschichte ein surreales Rätsel aufgegeben hat, an dem sich immer noch Filmseminare abkämpfen. Zwischendurch einen Doppelfilm mit 16 Enden („Smoking / No Smoking“, 1993) und einen herrlichen Vollplayback-Film über das Problem, die richtige Wohnung zu finden („Das Leben ist ein Chanson, 1997). Noch 2006 erhielt Resnais für „Herzen“ den Silbernen Löwen in Venedig. Wenn dieses Urgestein des europäischen Films nun wieder eine junge Verrücktheit abliefert, was fängt man damit an? Man sollte ihn umso mehr beglückwünschen und sich das ebenso eigen- wie einzigartige Filmvergnügen „Vorsicht Sehnsucht“ unbedingt gönnen!

„Vorsicht Sehnsucht“ erzählt irgendwo eine recht einfache Geschichte: Marguerite (Sabine Azéma), Zahnärztin und passionierte Fliegerin in fortgeschrittenem Alter besucht ein Schuhgeschäft. Das ist bei Resnais mit seiner vertrauten Hauptdarstellerin Sabine Azéma bereits einige Filmminuten wert, aber erst danach gerät die Handlung ins Rollen, als ihr die Handtasche gestohlen wird. Der auch schon etwas reifere Georges Palet (André Dussollier) findet in Folge Marguerites Geldbörse und verliebt sich heftig in ihr Passfoto. Nun brechen in die gesetzten bürgerlichen Kreise der beiden pubertäre Leidenschaften ein. Schon der erste Anruf gerät reichlich schräg, weil ... Nein - eine richtige Begründung gibt es für die meisten seltsamen Wendungen des Films nicht. Man kann ihn sich anschauen und staunen. Die auf ein Gerüst reduzierte Handlung ginge weiter, indem Georges seine Leidenschaft äußert, aber sie dann ebenso heftig in Hass und Verachtung wechseln lässt. Ein Polizist verfolgt den vermeintlichen Stalker. Nach einigen Besuchen und Besuchs-Versuchen steigen Georges und Marguerite in ihren Flieger - mit tragischen Folgen.

Gerade einem Film wie „Vorsicht Sehnsucht“ wird man mit den üblichen Besprechungs-Kriterien nicht gerecht. Geriet doch die Form bei der sehr freien Verfilmung des Romans „L’Incident“ von Christian Gailly viel wichtiger als die Handlung. Dauernd gehen die Kamera oder der Off-Kommentar eigene Wege. Damit ist Resnais ziemlich altmodisch und in einer von Handlungs-Korsagen beherrschten Kinozeit richtig avantgardistisch. Kongenial aktiert die Resnais-Familie mit Azéma und Dussollier das Spiel an der Grenze zur Albernheit aus. Und selten erzeugte ein Film eine derartige Mischung aus Vergnügen und Verwirrung auf den Gesichtern.